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Kunst & KulturHeute ist das Gestern von Morgen!

Heute ist das Gestern von Morgen!

von Wolfgang Paul/ Wie schön war diese Welt noch gestern? Als Kinder der sechziger Jahre fällt mir prompt der Song von Jürgen Marcus ein, dem blonden Schlagerliebling dieser Zeit. Wie verzaubert lauschten wir seinem Lied, das mit den folgenden Textzeilen begann: Wie war das noch gestern? Wer war ich noch gestern? Die Antwort weißt nur du!

An dieses Gestern, diese gute alte Zeit wollen wir uns nur zu gerne erinnern. Denn diese Vergangenheit in der wir dann schwelgen, sie erneut für einen nostalgisch kurzen Moment heraufbeschwören, diese unwiederbringliche Zeit, sie war einst frei von den Sorgen und Nöten. Die nun täglich neu heraufbeschworen werden. Gestern noch sorgenfrei, durchwandern wir heute das Tal der Sorgen, die auf uns nur so herunterzuprasseln scheinen, einem starken Platzregen gleich. Und obwohl wir unsere Schirme aufgespannt haben, scheinen sie uns nur bedingt zu schützen vor solch starkem Niedergang. Wir alle haben etwas von diesem Regen abbekommen, stehen nun in durchnässter Kleidung, dort draußen im Dauerregen. Und leider scheint die Wettervorhersage uns auch keine Besserung mehr zu versprechen. Wie war diese wunderschöne Welt noch vor kurzem, die uns erlaubte alles zu machen was uns in den Sinn kam, keine Limits kannte? Eine Welt, die keine Dauerverbote aussprach und sich niemand genötigt fühlte, in sinnlosen Protesten für ebenso sinnfreie Regelungen zu engagieren, in unnötig sinnloser Gewalt gegen die Staatsgewalt wetterte.

Gestern aber war doch noch alles so harmonisch. Und einmal mehr trägt uns dieser bewegende Gedanke in weit entfernte sonnenverwöhnte Orte und wir sehen uns im weißen Sand liegend, vor traumhaft schönen Urlaubskulissen, von denen wir braungebrannt zurückkehren.

Doch dieser Traum endet jäh in den allabendlichen Nachrichten, die ohne Unterlass von diesem allzu hässlichen – Sie wissen schon, von wem die Rede ist, reden. Nein, nicht bösen Lord Voldemort, die Figur aus den Harry Potter Büchern, dessen Name nicht genannt werden durfte. Es ist vielmehr ein extrem kleines, sehr übles Ding, das uns in Angst und Schrecken versetzt. Und es zieht extrem große Aufmerksamkeit auf sich. Lähmt uns alle in unserem einst ungebremsten Konsum, der längst in einen Wahn umgeschlagen ist und fährt diese so bunte, einst lärmende und vor Energie sprudelnde ökonomisierte Welt einfach herunter. Bringt alles zum Erliegen. Und da dachte man, dass man nur einen Narzissten kennt, der diese Aufmerksamkeit für sich beanspruchte. Wer hätte schon gedacht, das dieses kleine so dermaßen üble Ding ein noch größeres Geltungsbewusstsein hat, als der verschmähte orangene amerikanische Präsident, dabei noch nicht mal twitterte bis der Arzt kommt, um sich gebührliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Alles scheint in diesen letzten Monaten, insgesamt nun mehr als ein Jahr, sich nur auf einen einzigen Punkt zu fokussieren: Beschränkungen! In diesem Wort steckt die Schranke. Und wie am Bahnsteig stehen wir nun vor dieser Schranke und warten und warten und warten und warten. Brav, so wie man es uns aufgetragen hat. Und träumen von diesem unglaublich schönen Gestern, als einzige Erinnerung die uns noch bleibt, in dem noch alles vollkommen ungehemmt möglich war.

Aber dieses Gestern forderte längst einen ungleich hohen Preis für unsere respektlose, sorglose Vergangenheit und den Umgang mit dieser Welt und genau den Dingen, die wir achtlos weit hinter uns gelassen haben. Vielen Menschen gab die omnipräsente Krise auf diesem Planeten die notwendige Zeit, doch noch einmal darüber nachzudenken, ob dieses traumhafte Gestern wirklich allen Anforderungen einer Nachhaltigkeit gerecht wird oder vielleicht nur einem labilen Kartenhaus entsprach, das nun ob seiner Fragilität, zusammengebrochen ist. Denn abseits des üblen kleinen neuen Weggefährten, gab es ja noch die weltweite Klimakatastrophe und viele andere Warnzeichen an Umweltschäden und fragwürdigem Verhalten.

Während die „Fridays for Future Bewegung (FFF) mit erhobenem Zeigefinger jeden Freitag vor Katastrophen einer Erderwärmung warnten und auf die Einhaltung des Pariser Abkommen hinwiesen, fand das weder bis heute bei Politik die gebührenden Aufmerksamkeit, noch schien es bei allen Bürgern unseres Landes angekommen zu sein. Aber es ist ja nicht nur die FFF Bewegung, die schon lange auf eine dringendst notwendige Verhaltensänderung hinweist. Schaut man genau hin, in dieses zur Unkenntlichkeit verklärte Gestern, leidet diese Welt nicht allein an einem kleinen viralen Infekt. Der virale Befall fand seinen Anfang schon einige Jahrzehnten vorher.

Ein kleiner Exkurs zur Auffrischung. Das Wirtschaftswachstum kannte ab 1940 fast keine Grenzen. Das Land bewegte sich immer nur in eine Richtung. Vorwärts. Gewerkschaften kämpften für steigende Löhne, angemessene Bezahlungen. Es ging aufwärts im immergrünen Spitzenland. Bis die Seifenblase das erste mal 1973 mit der Ölkrise platzte. Neue Konzepte mussten her. Seit Anfang der 90er-Jahre war eine rückläufige Investitionskostenfinanzierung der Bundesländer zu sehen. Ambitionierte Betriebswissenschaftler fanden endlich einen würdigen Arbeitsplatz im deutschen Gefüge wirtschaftlicher Interessen. Neue Dogmen fanden sich schnell. Der hippokratische Eid musste den Gewinnberechnungen weichen. Der Anfang vom Ende eines marodierten Gesundheitssystems war also schon damalig absehbar.

2005 prägte die Elektronikkette Saturn den bis heute in allen Ohren nachklingenden Satz: Geiz ist geil. Er war eines der unumstößlichen Paradebeispiele einer gigantischen Abwärtsspirale und an zweifelhaftem moralischen Dualismus nicht mehr zu überbieten. Bis heute verzahnen sich Niedriglöhne mit hohen Gewinnen, die sich natürlich nicht (!) in der Herstellungskette wiederfinden lassen, noch bei denen, die diese erwirtschafteten. Und trotz aller Zweifelhaftigkeit scheint es bis heute nur eine einzig valide Parole zu geben, die unisono stereotyp wiederholt wird. Ewiges Wachstum! Aber genau diese Kampfansage beinhaltet einen Schatten, der sich nun bedrohlich über das Land zog. Warum, so stellt sich die Frage heute, haben wir die Tiefstpreise für Bekleidung, Elektronik, Autos, Lebensmittel akzeptiert, die weder einen nachhaltigen Standard beinhalten, noch uns letztendlich die Qualität gebracht haben, die einer Nachhaltigkeit gerecht wird, über die so oft gesprochen und so wenig gehandelt wird? Stattdessen hatte sich die Qualität, Stück um Stück der Quantität unterzuordnen. Minderwertige Massenprodukte, die trotz der REACH Verordnung (Ersetzen von gefährlichen Stoffen durch neue, ungefährliche Materialien) bis an den Verbraucher gelangten, wurden regelrecht in den Markt gepumpt. Wir akzeptierten mit der „Geiz ist Geil Parole“, dass die Lieferkette einer Produktion, unsägliche Arbeitsbedingungen beihalteten, von Fair Trade niemand etwas wissen will, noch eine strikte Norm und entsprechende Überprüfung zur Einhaltung stattfindet. So fand ein ganzer Bergrutsch statt, riss unzählige menschliche Schicksale mit sich, um Überfluss von Kaufgütern zu gewährleisten, den Verbraucher mit Produkten zu mästen, wie eine Weihnachtsgans. Die Dynamik war nicht mehr aufzuhalten und schlug auf fast alle Sektoren ungebremst um. Flugtickets sind billiger als Bahnreisen. Kerosin bleibt unbesteuert. Kreuzfahrtschiffe dürfen den dreckigen Schiffsdiesel nutzen. Die größten deutschen Produzenten mit den höchsten CO2 Ausstößen blieben ebenfalls außerhalb einer Besteuerung, von EEG Umlagen der Netze natürlich auch komplett befreit. Der Ära der Diesel- und Benzinerfahrzeuge gab man, wie auch der dreckigen Kohle einen regelrechten Freifahrtschein.

Und reagiert die Politik nun, die von der FFF Bewegung immer neu kritisiert wird, weil sie schwammige, nicht einhaltbare Ziele – erst recht nicht das Pariser Abkommen – formuliert? Eine Politik, die 200.000 mögliche Arbeitsplätze in den grünen Energien, 20.000 Arbeitsplätze in der dreckigen Kohle opfert, weil die Kraftwerkbetreiber auf ihre Ausstiegsklauseln hinweisen, Kompensationszahlungen einfordern. Eine Politik die 70 Milliarden in fossile Gaslieferungen investiert, obwohl dieses Land einen Aufbau von innovativer Windkraft, PV Anlagen, Großspeicher, Vehicle to grid (V2G), Strom aus der Autobatterie als Rückführung ins Netz benötigt, grüne Innovation dringend benötigt. Die davon weiß, das wir in Plastikmeeren ertrinken, unseren Abfall selbst schönrechnen, der wie ein totgeglaubter Zeuge in Asien wieder auftaucht. Eine Politik, die sich im Schulterschluss mit Nestle zeigt, einem Konzern damit unterstützt, der sich nicht scheut, in den ärmsten Gegenden Milliarden von Trinkwasser zu Dumpingpreisen aus dem Boden zu pumpen. Eine Politik, die Tierwohl hinten anstellt, die kein Erbarmen mit den Qualen tierischer Wesen hat, die nachgewiesene Empfindungen haben. Eine Politik, die zulässt, dass Bauern von Discountern in die Knie gezwungen werden, um ihre eigenen Geldmargen zu erhöhen, sie nicht an die Erzeuger durchreichen, sich in allen Ausreden ergeben, um nicht ihrer Verpflichtung nachkommen zu müssen. Eine Politik, die seit Jahrzehnten durch ihre konservative Haltung, alle einstigen Errungenschaften dieses Landes vernachlässigte. Dieses Land durch ihre Mutlosigkeit regelrecht marodierte.

Was ist mit der Bildung, den Renten, dem Strassenbau, Schiene, DSL Ausbau passiert und warum sind wir in allen Bereichen nur so weit im internationalen Vergleich abgefallen? Niemand dieser Wähler dürfte die Ausrede einer Unterversorgung von Informationen bemängeln. Ganz im Gegenteil.

Wir sahen dabei zu, wie diese Welt sich an den Ärmsten bereichert, um ihren Wohlstand aufrecht halten zu können. Wir ließen es zu, maßlos und verschwenderisch mit den Ressourcen dieser Welt umzugehen. Geiz ist geil war unser Motor, der nur Verwüstung, Leid und Tod im Gepäck führte, wie nun sein gleichnamiges Pendant der fossilen Gefährtes, dessen Aus sich weltweit klar abzeichnet. Und alle die immer noch als Befürworter dieses hemmungslosen Konsums und Liebhaber des Erdöls, der Verbrennung von fossilen Energieträgern sind, die jedes Jahr tausende Todesopfer durch seinen Ausstoss an Feinstaub, schädlichen aromatischen Verbindungen, die als kanzerogen gelten, sollten nun endlich zum Umdenken angeregt werden.

Ein unscheinbares Virus hat uns zwar in die Knie gezwungen, es hat aber gleichzeitig etwas heraufbeschworen, das in Vergessenheit geraten ist. Entschleunigung. Und mit dieser Entschleunigung hatten wir Zeit und Chancen genug, diese einst wunderschöne Welt mit anderen Augen zu betrachten, zu sehen, was wir ihr angetan haben.

Ein weiter so, sollte nun lächerlich erscheinen, im Spiegel aller vereinten, so sichtbaren Tragödien an Zerstörung und Ausbeutung. Zu lange haben wir zu viele Ungerechtigkeiten hingenommen, nun ist es an der Zeit, weniger zu reden, bürokratische Hürden einzureißen, Pragmatismus walten zu lassen, neue Ideen zuzulassen und Innovationen zu fördern. Menschen in Entwicklungsländern zu helfen. Mensch für andere Menschen zu sein. Wir müssen verstehen, dass wir die Bürger dieses Landes sind, die sich aus einer wilfährigen Politik befreien müssen. Dafür steht uns nicht nur ein ausgefeiltes demokratisches System mit einer einzigartigen Rechtslage zur Verfügung.  

Eine bessere Zukunft für die nächsten Generationen gilt es zu erlangen, für unsere Kinder, ihre Kindeskinder. Denn es ist nun unsere Hinterlassenschaft, die zu ihrer neuen schönen Welt werden kann, wenn wir jetzt und sofort – hier und heute – für das Eintreten, was all diese Desaster der Vergangenheit heraufbeschwor, sie nun mit verträglichen Lösungen belegen, so dass sich die Balance wieder einstellt, die durch unseren moralischen Dualismus einst dermaßen entgleiste.

Wolfgang Paul

Buchautor „Der aufrecht gebückte Mensch“ (Sachbuch); und ewig küsst mich Dornröschen wach (Humor in einzelnen Kapiteln)

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