Solingen – Ein sicherer Job, gute Verdienstmöglichkeiten, Karrierechancen: All das hatte André Kesper bereits erreicht. Der Leverkusener machte zunächst eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, arbeitete danach mehrere Jahre erfolgreich als Immobilienmakler. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte – und doch entschied er sich, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Mitte August startet der 29-Jährige bei den Netzen Solingen in die Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Rohrsystemtechnik.
„Viele haben mich gefragt, warum ich das mache – schließlich hatte ich ja schon einen Beruf, der lief“, erzählt Kesper. „Aber für mich ging es um etwas anderes: Ich will mit meiner Arbeit einen echten Beitrag leisten. Handwerk ist gerade in Zeiten der Energiewende eine Schlüsselbranche. Hier entstehen Jobs mit Zukunft, die gebraucht werden.“
Vom Immobilienbüro ins Handwerk
Der Wechsel ins Handwerk war für seine Familie zunächst überraschend – und nicht ohne Skepsis. Schließlich hatte Kesper als Makler nicht nur Erfahrung, sondern auch finanzielle Sicherheit gewonnen. Doch schon länger reifte in ihm die Idee, etwas Neues zu wagen. Der Auslöser kam aus der eigenen Berufspraxis: „In der Immobilienbranche sieht man tagtäglich, wie groß der Sanierungsstau ist. Viele Gebäude müssten dringend energetisch modernisiert werden. Dabei wurde mir klar, wie wichtig gut ausgebildete Fachkräfte sind, um die Energiewende im Gebäudebereich überhaupt umsetzen zu können.“
Begeisterung über Teamgeist
Aufmerksam auf die Netze Solingen wurde Kesper über die Social-Media-Kanäle der Stadtwerke Solingen. „Die Videos auf Instagram und Facebook haben mir das Gefühl vermittelt: Da arbeiten Menschen wirklich miteinander. Dieses Miteinander hat mich neugierig gemacht.“
Ein Probetag und die Teilnahme an Veranstaltungen der Unternehmensgruppe bestätigten seinen Eindruck: „Hier zählt Teamarbeit wirklich. Jeder unterstützt jeden. Es geht nicht darum, sich auf Kosten anderer zu profilieren, sondern gemeinsam Lösungen zu finden und am Ende des Tages etwas geschafft zu haben. Das ist ein Geist, der mich überzeugt hat.“
Ältere Azubis sind keine Ausnahme mehr
Dass Kesper mit 29 Jahren noch einmal eine Ausbildung beginnt, ist längst kein Einzelfall mehr, betont Ausbildungsleiterin Jennifer Gerhardt: „Wir sehen vermehrt Bewerbungen von Menschen, die schon berufliche Erfahrung haben und sich bewusst neu orientieren. Die Energiebranche ist zukunftssicher, und wir brauchen viele qualifizierte Fachkräfte, um die lokale Energiewende umzusetzen.“
Hohe Ansprüche trotz Fachkräftemangel
Doch auch wenn der Bedarf an Personal groß ist, bleiben die Anforderungen an Bewerberinnen und Bewerber hoch. „Alle Bewerbungen werden zunächst vorsortiert, anschließend durchlaufen die Kandidaten einen Eignungstest“, erklärt Gerhardt. „Abgefragt werden Grundkenntnisse in Mathematik, Deutsch und Englisch – je nach Ausbildungsberuf auch Physik oder technisches Verständnis. Leider bestehen mehr als 50 Prozent diesen Test nicht. Selbst einfache Grundlagen sind oft nicht mehr vorhanden.“
Das sei für die Unternehmen eine große Herausforderung: „Natürlich brauchen wir dringend Fachkräfte. Aber ohne bestimmte Basiskompetenzen geht es nicht, denn diese sind die Grundlage, um die Ausbildung erfolgreich zu meistern.“
Skepsis, die zur Überzeugung wurde
Bei seinem Ausbilder Kevin Lis, Gruppenleiter Netzmontage, musste sich Kesper zunächst beweisen. Lis, der selbst 2009 als Azubi bei den Netzen angefangen hat, sagt: „Wenn jemand mit 29 Jahren kommt, der schon eine ganz andere Karriere hinter sich hat, ist man im ersten Moment skeptisch. Aber André hat mich überzeugt – mit seinem Allgemeinwissen, seiner Haltung und seinem Willen, wirklich etwas Neues zu lernen.“
Lis sieht in ihm genau den Typ Azubi, den viele Betriebe heute vermissen: „Durch Smartphone, ChatGPT und ähnliche Dinge fehlt gerade jungen Leuten oft die Motivation, selbstständig Lösungen zu finden. Bei André ist das anders – er bringt Lebenserfahrung mit und geht die Dinge eigenständig an.“
„Etwas Systemrelevantes lernen“
Für Kesper selbst war der erste Tag bei den Netzen ein Schlüsselmoment: „Man fühlt sich sofort willkommen. Schon beim Empfang wird man mit Namen begrüßt. Das ist Wertschätzung, die ich aus der freien Wirtschaft so nicht immer kannte.“
Sein Ziel: Die dreieinhalbjährige Ausbildung erfolgreich abzuschließen – und darüber hinaus weitere Qualifikationen zu erwerben. „Ich habe richtig Lust auf Weiterbildung. Mir ist wichtig, dass ich einen Beruf erlerne, der systemrelevant ist und gebraucht wird.“
Warum Solingen?
Als Leverkusener hätte er sich auch Unternehmen in seiner Heimatstadt suchen können. Doch Kesper hat sich bewusst für Solingen entschieden: „Hier gibt es ein echtes Stadtgefühl – ein ,Wir-Gefühl‘ über Stadtteilgrenzen hinweg. Diese Verbundenheit spürt man auch in den Unternehmen. Das hat mich zusätzlich motiviert.“
Für André Kesper ist der Neuanfang ein mutiger Schritt – und zugleich eine klare Investition in die Zukunft. „Ich freue mich auf echte Teamarbeit und darauf, mit den Netzen Solingen meinen Teil zur Energiewende beitragen zu können.“












