von Florian Meurer – Immer ist es der Regen, der mir die Wahrheiten verkündet. Man kann sie hören, wenn man still ist. Das Rauschen sagt alles. Seit Jahrtausenden kommt und geht der Regen und nimmt auf unsere menschlichen Geschäfte keine Rücksicht. All diese Zeit schon lädt er uns ein, für einen Moment alles zu vergessen, nass zu werden und nur zu lauschen.
Warum können wir so selten nur schweigen und hören? Könnten wir verstehen, was wir wahrnehmen, wenn wir es tun würden? Wäre uns dann klar, welchen Platz der einzelne Mensch und wir alle im Universum einnehmen? Wir sollten auf eine heilsame Art der begreifbaren Welt, der durch unser Denken geformten Zivilisation verlorengehen. Der Regen fordert uns dazu auf. Er möchte gehört werden. So lange gehört, bis er wieder endet und alles gesagt hat. Vielleicht finden wir dann etwas wieder von der Demut, der Achtung und der Aufmerksamkeit, die eigentlich unserer Umwelt zukommen sollten. Der Mensch bildet sich vieles ein. Wir beherrschen die Natur nicht. Wäre das Universum eine Maschine, wäre sie so unglaublich groß und komplex, dass kein Mensch sie je verstehen könnte. Wir Menschen wären darin nur ein ganz kleines Zahnrad. Hört man auf den Regen, so legt man sein Ohr an den kalten Stahl dieser Maschine. Sie tickt. Man kann spüren, dass sie läuft. Mehr ist es nicht, was wir verstehen. Nichts ist es, das wir mit unserem Denken kontrollieren.
Abgekoppelt vom Netzwerk
Was bleibt vom Menschen, wenn er wirklich auf sich selbst gestellt ist? Was wird dann aus ihm? Wer mutig ist, mag auf die Idee kommen, sich von der alltäglichen Technik zu trennen, die uns in unserem modernen Leben umgibt. Der Blick auf das Display des Handys wird dann von einem Blick ersetzt, der sich etwas anderem zuwendet: einem Baum, einem Vogel oder einer Landschaft? Das Schauen in die Natur wirft uns auf die Prozesse des eigenen Geistes zurück. Natur und menschlicher Geist sind unmittelbar und nicht virtuell. Auf soziale Medien, Zeitungen oder das Fernsehen kann jeder verzichten, wenn wirklich will. Aber wer könnte auf den Wind oder den Regen verzichten? Kein Meme, kein Video oder News-Feed kann jemals so unmittelbar und tiefgreifend sein wie der Regen. Jemand steht im Regen und wird wieder ganz Mensch. Kein Gedanke an die digitale Verbindung zur Welt. Einzig relevant ist die direkte Erfahrung. Ein Mensch wird nass. Ein Mensch nutzt wieder seine Sinne. Er hört, er schaut wieder hin. Wer beobachtet, kann den Rhythmus der Welt erspüren. Ihre Langsamkeit und Stille, ihre Würde und Großartigkeit treten hervor. Doch ist ein Mensch, der sich von der modernen Technik abkoppelt, wirklich auf sich selbst gestellt? Was wird aus ihm, wenn er auch auf den täglichen Konsum, die Bücher und die sozialen Kontakte verzichtet? Man mag sagen, dass ein solcher Mensch verkommt. Aber es muss doch in diesem Menschen etwas hervortreten. Ein innere Welt, die vom äußeren Lärm, den Gesprächen und der Schnelligkeit des Alltags sonst immer überlagert wird. Einkehr und Rückzug waren immer Wege, der spirituell Suchenden. Je mehr wir materiell und geistig besitzen, umso mehr wird in den Menschen der Wunsch nach Einfachheit und Ruhe aufkommen. Wer diesen Weg geht, kann im Regen stehen und Tiefgreifendes in sich selbst und der Welt wahrnehmen. Er wird nass und wird wieder ganz Mensch.
Die Schönheit unserer Einmaligkeit
Zum Glück geht der Mensch wirklich von dieser Welt, wenn er stirbt. Jemand ist immer ein Mensch und kein digitales Abbild. Die von ihm hinterlassenen, abgedruckten Spuren, schriftlichen Zeugnisse, Fotos und Kommentare sind im Internet eigentlich ebenso flüchtig, wie in der Offline-Welt. Wir sitzen immer der Illusionen auf, das Internet würde nichts vergessen. Doch wenn wir optimistisch sind, können wir hoffen, dass sich die Nachwelt vielleicht noch zwei Generationen an uns erinnert oder um unsere Namen weiß. Wir wissen noch nicht, ob sich das menschliche Erinnern durch Computer grundlegend verändern wird. In der nicht-digitalen Welt werden den Nachkommen ein paar Anekdoten über einen Vorfahren überliefert. Im Grunde aber bleibt kaum etwas erhalten und nichts wird reproduziert. Der Anteil, den der Einzelne mit seinem Leben zum Ganzen beiträgt, bleibt einmalig. Er muss es sein. Darin liegen die Stärke und die Würde unserer Individualität und unseres Menschseins.











