Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) plant eine umfassende Reform seines Tarifsystems. Weniger Preisstufen, übersichtlichere Angebote, mehr digitale Optionen – so lautet das Ziel. Doch der Fahrgastverband PRO BAHN kritisiert die Pläne scharf. Besonders für Pendler auf kurzen Strecken über Stadtgrenzen drohen drastische Mehrkosten.
Vereinfachung mit hohen Kosten
Die Reform sieht vor, das Ticket-Sortiment zu straffen und die Preisstufen zu reduzieren. Während PRO BAHN die Bereinigung der Ticketarten grundsätzlich begrüßt, warnt der Verband vor massiven Ungerechtigkeiten.
Konkret betrifft das den Wegfall der Kurzstrecke. Wer bisher nur wenige Haltestellen fahren wollte, zahlte dafür rund zwei Euro. Künftig fällt diese Option weg – der Einstiegspreis liegt dann bei der Preisstufe A. Das bedeutet: 3,60 € für Erwachsene und 2,00 € für Kinder. Laut VRR sind davon 17 Prozent der heutigen Einzelticket-Kunden betroffen.
Auch die Abstände zwischen den Preisstufen wachsen: Preisstufe B kostet 7,40 € – mehr als das Doppelte von A. Noch deutlicher ist der Sprung zu Preisstufe C mit 18,90 €.
„Die Reform schafft neue Ungerechtigkeiten und benachteiligt vor allem die Kurzstreckenfahrer“, kritisiert der Fahrgastverband PRO BAHN.
Wegfall der 2-Waben-Regelung
Besonders heftig wäre der geplante Abschied von der 2-Waben-Regelung. Sie ermöglicht bislang kurze Fahrten in Nachbarstädte zum innerstädtischen Preis. Fällt sie weg, rutschen diese Verbindungen in die teurere Preisstufe B – mit einer Preisverdopplung von 3,60 € auf 7,40 €.
Beispiele für betroffene Verbindungen im Raum Solingen
| Verbindung | Entfernung (ca.) | Preis heute (A) | Preis nach Reform (B) | Preisanstieg |
|---|---|---|---|---|
| Solingen Hbf → Wuppertal-Vohwinkel | ~ 7 km | 3,60 € | 7,40 € | +105 % |
| Solingen Mitte → Haan-Gruiten | ~ 6 km | 3,60 € | 7,40 € | +105 % |
| Solingen-Wald → Hilden | ~ 8 km | 3,60 € | 7,40 € | +105 % |
| Solingen-Ohligs → Leichlingen | ~ 5 km | 3,60 € | 7,40 € | +105 % |
| Solingen-Burg → Remscheid-Lennep | ~ 9 km | 3,60 € | 7,40 € | +105 % |
„Ich fahre jeden Tag von Ohligs nach Leichlingen zur Arbeit. Wenn ich dafür künftig mehr als sieben Euro zahlen soll, kann ich mir den Bus fast nicht mehr leisten“, sagt die Steuerfachangestellte Sandra L. aus Solingen.
Auch Studenten sehen die Reform kritisch. „Von Gräfrath nach Vohwinkel zum Nebenjob brauche ich keine zehn Minuten. Aber der Preis soll sich verdoppeln? Das ist absurd“, meint Student David R.
Digitalisierung als Ausweg?
Der VRR verweist auf den digitalen Tarif eezy, der per Smartphone automatisch den günstigsten Preis abrechnet. Doch laut Statistik nutzt bislang nur ein Bruchteil der Fahrgäste diese Option. Für viele Pendler ist das keine Alternative. „Ich will nicht für jede Busfahrt das Handy zücken. Ein normales Ticket muss bezahlbar bleiben“, sagt Rentnerin Monika K. aus Solingen-Wald.
PRO BAHN-Sprecher Lothar Ebbers warnt: „Es geht nicht an, dass Fahrgäste ohne Smartphone zukünftig auf kurzen Strecken über die Stadtgrenzen völlig unangemessene Preise bezahlen müssen.“
Forderung nach Nachbesserung
PRO BAHN zieht deshalb ein gemischtes Fazit. Während die Sortimentsbereinigung sinnvoll sei, lehne man die Strukturreform in dieser Form ab. Die jahrzehntelang bewährte 2-Waben-Regelung müsse unbedingt erhalten bleiben, um Fahrgastrückgänge zu verhindern. Andernfalls würden zahlreiche zentrale Projekte konterkariert, die eigentlich den stadtübergreifenden ÖPNV stärken sollen.










