Opfer zu sein
von Kay Ganahl – Sich dessen bewusst zu werden, ein Opfer zu sein, ist allein schon eine seelische Qual – genauso wie das vielleicht im konkreten Fall auch längere Ertragen dessen, was wir hier seitenlang als abstoßendes, abzulehnendes soziales Verhalten brandmarken. Das ist die unzweifelhafte Ablehnung dieses Verhaltens, um jeglichem Brandmarken im Gesellschaftsleben den Kampf anzusagen! Ein großes öffentliches Thema ist es nicht mehr. So einige Zeitgenossen scheinen dieses soziale Verhalten als ein bemerkenswertes Phänomen, welches durch die Zeiten getragen wird, vergessen zu haben.
Sonnenklar ist allenthalben: Der, der ein Opfer ist, muss ertragen und erdulden. Tagelang ist es schrecklich. Es war zunächst nur eine mehr oder weniger lange Reihe von Momenten des „Terrorisierens“, die Folgen davon sind ziemlich groß.
Man kann sich nicht mehr konzentrieren. Und man muss zusehen, dass die Arbeit gemacht werden kann. Vielleicht geht es um das Leben im Alltag insgesamt. Ehrlich, so sollte es nicht kommen! Mit einem wird es bald aus sein, vielleicht ganz. Das muss befürchtet werden. Es gibt schlimmste Folgen, man sollte seine Fantasie bemühen und sich in die Rolle des Opfers hineinversetzen. Dissen, Mobben, despektierlich werden. Das ist das Ärgern und ist das Hänseln von damals. Es kommt zu Stress, Druck, an-den-Rand-gedrängt-Werden. Außenseitertum. Ein Objekt des Hasses und der Verachtung wird das Opfer.
Hinter dem Rücken wird gekichert, getratscht … und vieles mehr. Dies grenzt, sofern es vom Opfer bewusst wahrgenommen wird, manchmal ans Unerträgliche. Diesbezüglich findet vieles statt, nur nicht die Wahrheit über einen … diese Wahrheit wird vertuscht, verdreht zu einem Dreck. Dieser Dreck wird dann allgemein verbreitet, zumindest im sozialen Umfeld. Man wird mit Dreck „beworfen“.
Ist man dann doch immerhin soweit, das Ganze wenigstens psychisch zu verdrängen, kommt es auch schon wieder: Es hallt nach! Das Echo ist gewaltig, kommt es doch aus vielen bösen Mündern – dann eben auch als mehr oder weniger hartnäckiges Gerücht. Als „Bemerkung“ verpackt in Form von Getuschel. Das wird als Meinungsäußerung getarnt. Der schlechte Ruf des Opfers, welches nur noch ein Objekt ist, wird gezielt aufgebaut, um möglichst dauerhaft zu schaden. Im Wesentlichen geht es darum: zu schaden. Die Psyche des Opfers soll beschädigt, wenn nicht sogar zerstört werden. Diese ist offensichtlich im Mittelpunkt aller Aktivitäten.
Mobber!
Die Skrupellosigkeit von Mobbern ist erstaunlich.
Sie kennen keine Moral der Rücksichtnahme, oder aber sie belieben erfolgreich dieselbe zu heucheln. Als normal wird all das hingestellt, was dem Erfolgsmobben dienlich ist. Gibt es für die Mobber etwas Schöneres, als das Opfer offensichtlich leiden zu sehen? Wohl kaum. Und oft muss es leiden.
Das Mobben wird bis ins Extrem, also zur offenen Brandmarkung, besser: Stigmatisierung des Opfers getrieben. Dasselbe ist dann nur noch Objekt. Natürlich wird das Opfer zu demjenigen gestempelt, der an allem (an was auch immer!) selber schuld sei ‒ vor allem auch am eigenen schlimmen Schicksal des Mobbing-Opfers.
Verhalten sich alle Menschen im sozialen Umfeld wie die handelnden Mobber, sofern das Mobbing vor sich geht? Sicher eher selten alle, doch jedenfalls immer zu viele! Einige Menschen ignorieren das Mobbing, wollen damit nichts zu tun haben. Sie mögen das Opfer nicht. Oder aber sie haben Angst vor den Mobbern, eben Angst davor, selber Opfer zu werden. Die Mobber lächeln verächtlich, sprechen ironisch huldvoll oder gespielt mitleidig. Möglicherweise reden sie „von oben herab“ entwürdigend verächtlich. Vieles ist möglich! Man stelle sich alles Negative vor.
Nun, es wird getuschelt und zufällig, sehr versehentlich körperlich gerempelt. Letzteres ist bei Mobbern besonders beliebt. Einige, die das Mobbing mitbekommen, meiden „sicherheitshalber“ das Opfer offen oder verdeckt, statt solidarisch zu sein und zu helfen, was natürlich richtig wäre. Die handlungsaktiven Mobber würden eventuell liebend gern die Fäuste spielen lassen, sind vielleicht gar in der Rede offen vulgär, unverschämt, herrisch, feist und lassen bei passender Gelegenheit das Opfer die Häme spüren.
Human ist anders, anders ist hier, was wir als sozial bezeichnen, doch dies gilt beim Mobbing ja nichts mehr. Will heißen: Es wird dreist behauptet, dass besagte negativ-destruktive Verhalten sei sozial! Obzwar es offensichtlich anti-sozial ist.
Plage Zeit, Plage Mobbing
Es gibt die verschiedensten Plagen in der Gesellschaft des Menschen, welche zu thematisieren sind … und so viele Mobber, doch sogar Menschen, die nicht mobben! Und es wird hoffentlich Zeiten geben, in denen Mobbing kaum noch eine Rolle spielt … Wir denken an eine bessere Zeit, aber die Zeit an sich ist schon problematisch – einfach deshalb, weil sie existiert. Also: Das Mobbing ist schrecklich, doch sicher auch die Zeit, in der wir leben.
Ja, die Zeit an sich ist eine Plage, die sich durch die Existenz aller Lebewesen schleicht. Sie zu ertragen, das ist eine große Herausforderung. Wenn du sie, diese Plage Zeit, erkannt hast, hängt sie schon etwas länger hinter dir, über dir und wird von hinten in dich eindringen, ganz wild, aber zunächst ohne Schmerzen zu verursachen; wird in dir solange wüten, bis du tot sein wirst. Es bedeutet, je weniger du von ihr als einer Plage Zeit weißt, desto besser für dich. Leider.
Teil 1 und Teil 2 dieses Textes wurden zusammen in dem Buch „Neue Essays. Die Durchdringung“ von Kay Ganahl im Jahre 2023 erstmals veröffentlicht.
Den ersten Teil lesen Sie unter folgenden link:
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https://buchshop.bod.de/neue-essays-kay-ganahl-9783758303104












