von Kay Ganahl – Man soll uns nicht die Zeit nehmen! Denn, wirklich, wir wollen sie uns nehmen! Und noch gibt es genug Zeit, die zur Verfügung steht!
Ja, doch … und gerade haben wir sie uns genommen. Freude. Zufriedenheit. Es geht deshalb auch immer wieder weiter. Hier stehen wir nun und lauschen. Jeder hat viel zu sagen…
Eingebettet in die Zeit
Es gilt, Zeit ist einfach vorhanden, Geschichte, Gegenwart, Zukunft!
Was gestern gewesen ist, ist fort. Ein jegliches Jetzt – im immer wieder bewussten Augenblickserleben – macht uns eben bisweilen auch zu schaffen: Wohl sind auch „Prüfungen“ zu bestehen.
Glück und Unglück liegen eng beieinander. Dies ist ohne Pathos zu verstehen. Aber es handelt sich um die Extreme menschlichen Denkens und Fühlens; zwischen diesen entscheidet sich das Einzeldasein. Sollte der Einzelne nicht tatsächlich voll bewusst immer wieder seine freie Wahl treffen und vor nichts zurückschrecken? Bestimmt. Weder soziales Milieu noch Vererbung können den Weg des Einzelnen vorherbestimmen!
Dann gibt es ja noch den aufgehenden Morgen, was wir als die Zukunft bezeichnen. Das Morgen. Dieses ist ohne Zweifel schlecht vorhersehbar. Wir bemühen uns immerhin, es möglichst gut vorherzusehen. So mancher meint natürlich auch, darauf verzichten zu können. Einige üben sich allerdings sehr engagiert darin, die Wege und Stationen der Zukunft zu gestalten. Allerlei Prognosen werden auf wissenschaftlicher Basis gewagt. Und das für die Zukunftsgestaltung erforderliche gezielte Planen ist wohl zweckmäßig und sinnvoll. Individuelle, kollektive und staatliche Macht sind in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung. Vielleicht kann als negativ Betrachtetes schon im Vorfeld vermieden werden. Als positiv und wünschenswert Betrachtetes soll uns immer begegnen, möglichst auch und gerade Resultat sein.
Der Möglichkeiten dessen, was irgendwann entsteht, sich ereignet und entwickelt, Form erhält und dieselbe wieder verliert, gibt es unheimlich viele, unübersehbar viele. Man glaubt kaum, wie viele mögliche Varianten – zum Beispiel eines Entwicklungsprozesses – es in einem linearem Vorwärts geben kann. Gibt es denn eine wie auch immer ablaufende Linearität!? Wer glaubt denn bloß daran, dass es sie gibt? Die komplexen Vernetzungen von Denken, Verhalten und Handeln sind an sich unbezweifelbar. Interaktionen finden permanent auch in zeitlichem Kausalzusammenhang statt.
Zeit und Ewigkeit
Der Mensch lebt bewusst in der Zeit und mit der Zeit, beäugt sie mit Wohlwollen, oder aber auch kritisch. Er kann sie akzeptieren, doch auch ablehnen. Ohne Frage ist er faktisch ihrer Totalität ausgeliefert.
Bis die Ewigkeit beginnt, falls es diese überhaupt geben sollte! Dies zu klären, ist eine Mammutaufgabe für diejenigen, die meinen, sie tatsächlich erkannt zu haben. Erkannt haben … Und: Durchleben sie sie dann auch wirklich? Oder ist dies bloß Einbildung? In den ersten Momenten dieser Ewigkeit dürften sie sehr staunen und, so darf man annehmen, ängstlich reflektieren. Die Ewigkeit kann kein Mensch stoppen, wenn sie eingesetzt hat und vor sich geht.
Gibt es denn zumindest die Zeit wirklich und tatsächlich? Das wäre allerdings trotz aller vermeintlicher wissenschaftlicher Gewissheiten eindeutig zu klären. Fundamentale Fragen. Es braucht dafür mehr als essayistisches Wirken. Eventuell wird die Erde bald aufhören, sich zu drehen.
Zeit und Freiheit
Wahrlich, sich die Zeit für etwas zu nehmen, weil es zu tun ist, ist an sich schon etwas Besonderes. Es handelt sich um einen Akt der Freiheit über ein verfügbares Zeitkontingent, eventuell sogar über ein ganz oder zeitweilig nicht verfügbares.
Jeder kann versuchen, die Zeit, einmal genommen, dann auch nach eigenen Vorstellungen detailliert und verantwortungsvoll zu gestalten. Dies ist wiederum die Fortsetzung des initiativen Freiheitsaktes, bis auf Weiteres!
Dabei ist man mehr oder weniger frei. Schlusspunkte werden gesetzt. Am besten ist, wenn diese auch von denen gesetzt werden, die die Freiheit haben wollten und sie für sich selbst eingrenzen wollen.
Vielleicht wird im Zuge dessen tatsächlich Einfluss gegen konkrete Absichten und Pläne der verschiedensten Anderen mit ihren ganz anderen Zielen, Interessen, Neigungen und Abneigungen ausgeübt. Verschiedenste individuelle und/oder kollektive Interessen können eben von Relevanz sein. Eventuell unterliegt die Zeit dem reinen Zwecke-Denken, spielen sogar politischer und wirtschaftlicher Opportunismus eine wichtige Rolle.
Wer sich die Zeit einmal bewusst für sich selbst und/oder für seine Gruppe genommen hat, versucht dann möglicherweise, diese Zeit mit Genuss zu leben, dabei manch Besonderheit zu erkennen und, wenn sie gemocht wird, auch auszubauen.
Messung der Zeit: Es wird Geschichte
ZEIT: Wer braucht sie? Jeder. Mit ihrer Hilfe wird praktisches Wirken in Wirtschaft und Gesellschaft möglich.
ZEIT: Wer hat sie? Jeder hat sie. Denn ohne sie ist, bewusst wahrgenommen und genutzt, Leben nicht möglich.
ZEIT bedeutet aber gewiss, dass wir ständig in einem Korsett der natürlichen, technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten leben, von dem und aus dem wir uns nicht befreien können.
Zeit ist auch und gerade messbar. Sie ist den Wissenschaften, die das Messen im Rahmen der Naturgesetzlichkeit und Technik betreiben, untertan. Das steht außer Frage. Zumal: Auf der Basis wissenschaftlichen Erkennens wird das, was ist, zu einem Werden, welches ohne zielbewusstes Wollen der Individuen nicht möglich wäre. Durch sie entsteht das, was wir als Geschichte bezeichnen.
Wir können sie aufteilen, die Zeit, und somit über alles den Überblick behalten; können zukunftsbezogen planerisch und gestalterisch tätig werden. Nur mittels Zeitmessung lassen sich Projekte erfolgreich durchführen, was bis zur Bildung von Staaten reicht. Sie zu messen, ist uns ein tägliches Anliegen, meist sowieso eine praktische Notwendigkeit. Ohnehin kann es ohne die gemessene Zeit keine Zivilisation geben. Jedwede wäre ohne die Zeitmessungen nicht entwickelbar und nicht zu bewahren, ja käme gar nicht aus dem Zustand des Entstehens heraus. Die Zeitmessungen ermöglichen Auf- und Abbau von etwas; die zweckgebundene Organisation des menschlichen Daseins; das Zurück, aber auch das Vor; die Nacht des Nichtigen zu überwinden: Hin zur Projektierung unter dem Regiment von objektiven Kriterien.
Jedes Lebewesen ist der Zeit untertan. Der Mensch lebt in ihr bewusst, und er kann sich von ihr nicht mehr lösen. Jeglicher Begriff von Zeit ermöglicht die subjektive und objektiv-analytische Wahrnehmung von Ereignissen und Entwicklungen, so dass ein historisches Bewusstsein überhaupt erst entstehen kann. Die Geschichte des Menschen ist die Geschichte der Zeit, wie sie auch ins Kollektivbewusstsein der Gesellschaften eingedrungen ist.
Teil 2 dieses Versuchs wird bald folgen.
„Ein Versuch über die Zeit“ ist erstmals in dem Buch von Kay Ganahl „ZeitSPHÄREN im Bunker. Essay, Prosa, Poesie, Foto“ (2023) veröffentlicht worden. Der hier veröffentlichte Text wurde für die Solinger Nachrichten leicht überarbeitet.
LINKS
https://www.kayganahlschriftsteller.de
https://www.shaker-media.eu/de/content/Bookshop/index.asp?ID=2&ISBN=978-3-95631-956-3











