Der individuelle Nutzen der Zeit
von Kay Ganahl
Wir brauchen unsere Zeit
Wir brauchen unsere Zeit, sonst können wir nicht existieren. Man kann gar nicht genug von ihr haben! Aber jeder Mensch hat nur seine 24 Stunden am Tag, die Lebensdauer ist bekanntermaßen unterschiedlich. Diese Stunden müssen optimal genutzt werden. Jeder hat da seine eigenen Vorstellungen. Und was diesbezüglich wichtig ist: Zeit kann eine besondere Qualität haben. Dann reicht auch eher wenig von ihr.
„Besondere Qualität“ heißt, die konkret-praktische Art und Weise der individuellen Nutzung wird in diesem Fall wichtig.
Macht denn auch die Quantität viel aus? Jedenfalls lässt sich aus einem Viel an verwendbarer Zeit bei ihrer verschiedenartigen Gestaltung so einiges herausholen.
Viel Zeit zu haben, also zu glauben, man habe dies, ist allerdings ein Privileg, das der eher naive Mensch zu haben meint. Wer möchte so naiv sein?
In der Gesellschaft der Hektik und des Durcheinanders lässt sich mittels der Zeit auch gut individuell haushalten, wenn darauf diszipliniert abgezielt wird und es alltäglich wird.
Eine kluge Zeitökonomie ist viel wert. Denn mit ihr, der Zeitökonomie der cleveren Manöver zu bestimmten Zwecken, können wichtige Ziele erreicht werden, deren Erreichen vordem unmöglich zu sein schien. Wer gut genug gerechnet hat – bei Einbeziehung aller, jedenfalls verschiedenster Erwägungen und Kriterien – kommt schnell, vielleicht im Vergleich mit anderen, am schnellsten vorwärts. Und darauf kommt es immer wieder an, auch wenn Schnelligkeit (auf Kosten von anderem und von anderen) anrüchig wirken kann.
Positives Beispiel der „Freiheit für die Zeit“: Das kreative Schreiben
Ich habe sie mir genommen, die Zeit; zur Seite gedrängt die Pflichten und destruktiven Gedanken – mögliche Ablenkungen vielerlei Art. Vorstellungskraft und Sprachkompetenz können sich kreativ entfalten: Schreibe. Ja, es ist dieses Schreiben. Wir mögen es, lieben es wohl sogar.
Es kann stets größten Sinn entfalten, so dass es jeder Mühe wert ist, die eigene Kreativität walten zu lassen. Es ist die Darstellung dessen, was und wer wir sind; was und wer wir sein wollen und können. Sehen uns als Menschen: In Erfundenem und Wiedergegebenem. Das Leben wird gesehen, wie es ist. Oder auch nicht. Vielleicht wird es auf kreativem Wege erklärt. Vielleicht jedoch wird es verleugnet.
Zum kreativen Schreiben braucht es Einfälle. So setzen wir uns hin, denken nach, üben uns in komplizierten Reflexionen und einfachen Bildern, finden schließlich zu Stoff und Thema.
Die Vorstellungswelt wird von zahlreichen Bildern fantasievoll besiedelt, interessanten Charakteren und komplexen Handlungen. Auch von Ereignissen, die viel oder wenig bewirken, nach sich ziehen – Entwicklungen auslösen oder verhindern.
In dem, was wir kreieren, spiegeln wir uns als Menschen mit unseren eigenen Geschichten mehr oder weniger wider: wahrhaftig gar, vielleicht ziemlich real, fantastisch, verfremdet, stückweise, verwickelt. In kürzester Zeit kann eine Geschichte entstehen und sich entwickeln. Sie gewinnt an Eigendynamik, erhält ein Eigenleben. Sie wird etwas für sich selbst – in uns und für uns.
Doch der Stuhl, auf dem wir sitzen, hat zu wackeln begonnen. Konkurrenten verfolgen uns, sie wollen uns überholen. Die Erfolgsgier ist der Antrieb für die meisten. Diese Konkurrenten sind vielleicht fähiger als wir, vielleicht auch fleißiger, engagierter, dynamischer, einfallsreicher, cleverer, geschäftsorientierter …
Der Antrieb, erfolgreich sein zu wollen, zu müssen, ist allerdings bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt.
Wird unser Leistungsvermögen ausreichen, sie letzten Endes dann doch noch weit hinter uns zu lassen? Vielleicht sollten wir zulassen, dass sie uns überholen!
Dann hätten wir unsere Ruhe, diese Ruhe in der erfahrenen Niederlage, die nichts mehr als wirklich ausreichend aussehen lässt, weiterhin zu streben und Erfolg haben zu wollen. Dann ist nur das Selbstsein wichtig, will heißen die Zurückgezogenheit auf das Selbst und die Familie. Dies braucht nämlich auch viel, viel Zeit. Hierfür sich Zeit zu nehmen, wurde ja vernachlässigt. Viel zu sehr schien Erfolg das Wichtigste zu sein.
Was in diesem Zusammenhang Niederlage bedeutet, ist, dass nichts so ist, wie es scheint: Das Leben besteht im sinnvollen Kern nur aus uns selber und den menschlich Nächsten und Liebsten. Alles andere, alle anderen geben die Kulissen für unsere selbstbezogenen, mehr oder weniger sinnvollen Aktivitäten ab.
Jegliches Streben nach Erfolg ist das Streben nach der Erfüllung des Zwecks, also nach der Erfüllung von Unwichtigem, Nichtigem, Sinnlosem, Leerem. Oft ist die Coolness, die gezeigt wird, der Versuch der Täuschung über die Gefühle, die wir in Wahrheit haben.
Nehmen wir uns Zeit! Für uns! Das tut gut. Es verdeutlicht, dass wir bewusst leben können, bewusst frei und unabhängig … mit Ambitionen, die auch außerhalb des Materiellen liegen.
Ja, in die Zeit gedrängt, in ihr drin, komme nicht raus, muss es ertragen, leide darunter, schlage mich durch diese Zeit.
Ja, durch die Zeit am Leben.
Doch es ist nur eine Linie, die ich intensiv mit meinen Sinnen verfolge. Nichts macht wirklich Sinn. Allein, diese Linie im Blick zu haben, lässt etwas dem Sinn Ähnliches erkennen …
Ja, im Käfig dieser Zeit existierend; es macht mir etwas aus – kommt mir vor, als wäre alles nur schädlich, weil total zwanghaft, tendenziell gefühllos, bewusstseinsmäßig wertefrei, potenziell zukunftslos.
Dieser Versuch ist hiermit beendet. Teil 1 wurde kürzlich in den Solinger Nachrichten (https://solinger-nachrichten.de/2026/02/04/ein-versuch-ueber-die-zeit-teil-1/) veröffentlicht.
In dem Buch „Kay Ganahl: ZeitSPHÄREN im Bunker. Essay, Prosa, Poesie, Foto“ wurde der Original-Versuch veröffentlicht. Teil 1 und Teil 2 sind für die Solinger Nachrichten leicht überarbeitete Fassungen.








