Solingen – Wer derzeit die Hals-Nasen-Ohren-Ambulanz des Klinikums Solingen aufsucht, braucht mitunter Geduld. Berichte über längere Wartezeiten haben zuletzt für Diskussionen gesorgt. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch: Die Ursachen liegen nicht in organisatorischen Defiziten – sondern vor allem in einem enorm gestiegenen Versorgungsbedarf, den das Haus für die gesamte Region schultern muss.
Rund 100 Patientinnen und Patienten täglich werden allein in der HNO-Ambulanz behandelt. Über das Jahr hinweg nehmen mehr als 10.000 Menschen notfallmäßig die Hilfe der Klinik in Anspruch, zusätzlich werden über 3.500 stationäre Fälle versorgt, die überwiegende Mehrheit davon operiert. „Wartezeiten sind nicht zu vermeiden, und es kann in der Tat hin und wieder auch zu längeren Wartezeiten kommen“, erklärt Chefarzt Prof. Dr. Andreas Sesterhenn.
Versorgung für eine ganze Region
Das Einzugsgebiet reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Patientinnen und Patienten kommen aus Remscheid, Wuppertal, Leverkusen, Düsseldorf, Köln – teilweise sogar aus anderen Bundesländern. Nach der Schließung der St.-Lukas-Klinik in Ohligs und weiterer Kapazitätsreduzierungen im Umfeld hat sich der Druck auf das Solinger Klinikum nochmals deutlich erhöht. Viele medizinische Leistungen konzentrieren sich inzwischen auf wenige verbleibende Standorte.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Zahlreiche Menschen suchen die Notaufnahme oder Ambulanz auch bei leichteren Erkrankungen auf, die eigentlich in Haus- oder Facharztpraxen behandelt werden könnten. Besonders an Wochenenden und Feiertagen fängt das Klinikum so Versorgungslücken im niedergelassenen Bereich auf – zulasten der verfügbaren Zeit für echte Notfälle.
Behandlung nach Dringlichkeit – nicht nach Reihenfolge
Ein wichtiger Punkt für Patienten: Im Krankenhaus gilt nicht das Prinzip „Wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt“. Stattdessen erfolgt die medizinische Ersteinschätzung nach dem international etablierten Manchester-Triage-System. Dabei wird jeder Patient unmittelbar nach der Anmeldung beurteilt und einer Dringlichkeitsstufe zugeordnet.
Das bedeutet:
- Schwer- und schwerstkranke Menschen werden sofort behandelt
- Ernsthafte Beschwerden und erkrankte Kinder folgen zeitnah
- Leichtere Erkrankungen müssen warten – auch wenn sie früher eingetroffen sind
Diese Priorisierung kann Wartezeiten verlängern, rettet aber gleichzeitig Leben. Währenddessen wird der Zustand der Wartenden regelmäßig neu bewertet, sodass sich die Reihenfolge jederzeit ändern kann.
Arbeit am Limit – mit persönlicher Zuwendung
15 Ärztinnen und Ärzte arbeiten im Team der HNO-Klinik, darunter auch Assistenzärzte in Weiterbildung. Als akademisches Lehrkrankenhaus gehört die Ausbildung des Nachwuchses zur Aufgabe – ein wichtiger Beitrag für die Zukunft der medizinischen Versorgung, der allerdings zusätzlich Zeit bindet. Auch Dokumentations- und Bürokratiepflichten nehmen Kapazitäten in Anspruch.
Trotzdem betont Prof. Sesterhenn: Jeder Patient bekomme eine individuelle und zugewandte Behandlung. „Ich bin stolz, Teil eines so hoch motivierten Teams zu sein, das mit hoher Empathie auf universitärem Niveau die Menschen hier versorgt.“
Übergangsphase mit Perspektive
Das Klinikum Solingen befindet sich derzeit in einer Umbau- und Entwicklungsphase. Ein dringend benötigtes neues Bettenhaus mit zusätzlichen Stationen und erweiterten Kapazitäten ist bereits im Bau. Es soll künftig die Versorgung deutlich entspannen – doch bis zur Fertigstellung wird noch Zeit vergehen.
Bis dahin bleibt das Personal häufig am Belastungslimit: steigende Patientenzahlen, regionale Klinikschließungen und ein wachsender Versorgungsauftrag treffen auf begrenzte räumliche Ressourcen.
Kommentar von Chefredakteur Lars Schulz:
Wer im Wartezimmer sitzt, empfindet Minuten schnell als Stunden – das ist menschlich. Doch die Realität im Klinikum Solingen zeigt: Hier arbeitet kein träges System, sondern ein Team, das täglich versucht, unter schwierigsten Rahmenbedingungen möglichst vielen Menschen zu helfen. Die Schließungen umliegender Kliniken haben den Druck massiv erhöht. Gleichzeitig kommen viele Patienten mit Beschwerden, die eigentlich in ortsansässige Praxen gehören – und blockieren damit Kapazitäten für echte Notfälle.
Das medizinische Personal und die Pflegekräfte arbeiten längst an ihrer Belastungsgrenze. Dass dennoch nach Dringlichkeit priorisiert wird und schwere Fälle sofort behandelt werden, ist kein Mangel, sondern Ausdruck verantwortungsvoller Medizin. Das neue Bettenhaus wird dringend gebraucht. Bis es fertig ist, sollten wir vor allem eines mitbringen: Verständnis für diejenigen, die täglich unsere Gesundheit sichern.








