Wie blicken wir auf uns selbst und unseresgleichen? Ist davon auszugehen, dass der Mensch vorrangig Macht und Gewalt ausüben will? Wann und wie entstehen echte menschliche Regungen, ja sogar Liebe? Diese und ähnliche Fragen dürften für den Solinger Autor Kay Ganahl bei seinem neuen Werk „Liebe Politiker, Militärs und Menschen“ maßgeblich gewesen sein. Der Band liegt jetzt als E-Book vor.
Von Florian Meurer – In dem im Selbstverlag erschienen Buch entwirft Kay Ganahl in den drei Kapiteln „Liebe Militärs“, „Liebe Politiker“ und „Liebe Menschen“ in literarischer Form Abgründe und Glanzmomente menschlichen Handelns. Letztere sind zumeist ironisch gebrochen und offenbaren die Einbettung der Figuren in politische und militärische Machtstrukturen, in denen freies und reflektiertes Menschsein auf der Strecke bleiben muss. Eine Flucht aus der eigenen Bedingtheit ist oft zwecklos. Die literarischen Texte reichen vom humorvollen Genre über spannungsreiche Prosa bis hin zu seltsam verstörend wirkenden Erzählungen. Auf 432 Seiten bietet das Buch umfangreiche Perspektiven, die in Form von neunzig Kurzprosatexten und zwanzig Gedichten formuliert werden. Visuell ist Buch mit vierundzwanzig Handzeichnungen angereichert, die von Autor selbst stammen. Sie greifen die literarischen Themen des Buches in abstrakter Weise auf.
Legendäre Feldherren und absurde Militärbürokratie
Was am Militär heute nicht stimmt, war wohl auch früher nicht besser – so könnte man angesichts von Ganahls erstem Kapitel „Liebe Militärs“ schlussfolgern. Der Autor erzählt hier von rauen Vergangenheiten und zeigt, dass der Mensch in früheren Epochen mit seinem Hang zur Gewalt kaum zurückgehalten hat. Das Mittelalter oder die Zeit Alexanders des Großen sind treffende Beispiele. Letzterer lebt durch seinen legendären Ruf ebenso weiter, wie der deutsche Reichsritter Götz von Berlichingen, über dessen fragwürdigen Ruhm Kay Ganahl reflektiert. In die heutige Zeit übertragen sind es moderne Armeen wie die Bundeswehr, die der Autor kritisch untersucht. Vom Wehrdienst über die Wache am Tor bis hin zur Befehlsverweigerung spürt Ganahl den Schwächen des modernen Militärapparates nach. In einer Mischung aus gnadenlosem Realismus und gekonnter ironischer Brechung werden dem Leser starre Hierarchien, fehlende Menschlichkeit und ein dysfunktional anmutender Militärapparat vor Augen geführt. Die Kluft zwischen militärischer Theorie und alltäglicher Praxis scheint dabei bisweilen recht weit zu sein. Das Selbstbild verlangt bisweilen eine Haltung, die der Einzelne nicht annehmen kann. Dies verleiht den Ausflügen in die militärische Gegenwart mitunter einen recht skurrilen Charakter.
Politische Schlachten enden im Absturz
Mit der Perspektive auf die politische Arena zeigt der Autor, dass die in der Öffentlichkeit geführte politische Auseinandersetzung um Wählerstimmen den Kriegsschauplätzen der Geschichte mitunter recht ähnlich ist. In beiden Fällen trifft man in kämpferisch ausgetragenen Begegnungen auf den vermeintlichen Feind. Doch während im militärischen Konflikt für persönliche Eitelkeiten oft nur am Rande Platz ist, treten diese in der Politik offen zu Tage. Mancher fällt wegen dieses Umstandes aus der Rolle. Selbst das Publikum einer politischen TV-Talkshow kann in der Prosa Ganahls vollkommen die Fassung verlieren und sich zu Tomatenwürfen auf die Bühne des TV-Studios hinreißen lassen. Andere politische Gestalter des Bandes disqualifizieren sich gekonnt nicht bloß durch ihre politische Meinung, sondern auch durch mangelnde Integrität. So entsteht in „Herbert war ein Engagierter“ das Bild eines Lokalpolitikers, der angesichts der Mafia-Tätigkeiten eines guten Freundes in keinen inneren Konflikt gerät. Neben dem moralischen Scheitern drohen den Engagierten des politischen Betriebes natürlich auch Attentate auf das eigene Leben. So geht es etwa der Figur Johannes-Ulrich Jones in der Erzählung „Der Straßenpolitiker“. In diesem Fall zieht der Anschlag einen harten Absturz in die Realität nach sich. Der einst erfolgreiche Politiker endet schließlich als Obdachloser auf der Straße. So hat auch der politische Betrieb seine bitteren Schicksale.
Ironische Perspektiven auf das Rätsel Mensch
Der Menschlichkeit in ihrem vielleicht am stärksten rätselhaften Sinne nähert sich der Autor im Abschnitt „Liebe Menschen“ an, der den dritten Teil des Buches ausmacht. Hier bekommt der Leser es mit Figuren zu tun, die immer wieder in ungeahnter Weise Menschlichkeit an den Tag legen. So begründet der Erzähler in „Brief an den Feind“, warum er den Mord an diesem trotz aller gegenteiligen Gefühle nicht ausgeführt hat. Ironische Brechungen sind bei Erzählungen mit einem solchen Ansatz ganz klar ein Teil der Kunstform, in der sich Kay Ganahl ausdrückt. Manches behält auch bewusst den Schleier des Düsteren und Unverständlichen. So etwa die seltsame Leidensgeschichte des Protagonisten Lars, der in der Erzählung „In Quebec“ in die kanadische Wildnis flüchtet. Warum wird auf den Mann ein Anschlag verübt? Handelt es sich hier um Paranoia oder haben tatsächlich Geheimdienste ihre Finger im Spiel?
In den Gedichten seines Bandes greift Kay Ganahl die Frage, in welcher Welt wir leben wollen und können neu auf. In ihnen mag der Leser einen Eindruck davon bekommen, dass die vermeintlich sicheren Tatsachen unseres modernen Lebens oft von der Perspektive abhängen und die Vorgänge im menschlichen Leben in einer eigentümlichen Schwebe erscheinen können. Das lesenswerte Buch macht insgesamt anschaulich, dass immer alles in Bewegung ist und wir Menschen, als Protagonisten der von uns geschaffenen Welt, unseren Weg selbst und ohne „Lebenspilotenschein“ finden müssen.
Infos zum Buch
Kay Ganahl: Liebe Militärs, Politiker und Menschen
Selbstverlag Selbstsein, 432 Seiten
ISBN: 978-3-9823307-3-0








