Solingen – Die Solinger Sozialdemokratie trauert um eines ihrer prägendsten Mitglieder: Dr. Hans-Joachim Müller-Stöver ist am Freitag, 20. Februar, im Alter von 83 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die SPD nicht nur ein politisches Urgestein, sondern Solingen eine Persönlichkeit, die über Jahrzehnte hinweg Stadt- und Stadtteilpolitik maßgeblich mitgestaltet hat.
„Jochen, wie ihn alle nannten, hat unsere Partei über viele Jahre geprägt“, erklärt Daniel Weber, heutiger Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Solingen. Auch Ernst Lauterjung, Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion, würdigt den Verstorbenen als „Personifizierung des selbstbewussten und engagierten Stadtteils Wald“.
Über sechs Jahrzehnte Engagement
Am 1. Januar 1963 trat Müller-Stöver in die SPD ein – ein Schritt, der den Beginn einer außergewöhnlich langen kommunalpolitischen Laufbahn markierte. Als Ratsmitglied und Bezirksvertreter vertrat er die Sozialdemokratie in der Klingenstadt. 15 Jahre lang war er Bezirksvorsteher in Wald, später Bezirksbürgermeister genannt.
Für viele Bürgerinnen und Bürger war er weit mehr als ein Mandatsträger. „Er hat den Stadtteil nicht nur vertreten, er hat ihn gelebt“, sagt Ayça Iper, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Wald. Sein Name sei untrennbar mit Wald verbunden.
Bildung als Herzensanliegen
Stadtweit setzte Müller-Stöver vor allem in der Bildungspolitik Akzente. Die Entwicklung der Solinger Schullandschaft trägt in wesentlichen Teilen seine Handschrift. Besonders eng war sein Engagement mit der Friedrich-Albert-Lange-Gesamtschule verbunden, deren Gründung und kontinuierliche Weiterentwicklung er entscheidend mit vorantrieb. Neubauten, eine große Sporthalle und die Profilierung als Sportschule gehen auch auf seine Initiative zurück.
Chancengerechtigkeit durch Bildung war sein zentrales Anliegen. Dabei war ihm der Respekt vor dem Elternwillen ebenso wichtig wie der Ausbau ausreichender Gesamtschulplätze in Solingen. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Rat blieb er als sachkundiger Bürger im Schulausschuss aktiv.
Sein Verständnis von Bildung ging über Schule hinaus: Mit der Förderung der Walder Theatertage setzte er auch kulturelle Impulse. Bildung und Kultur betrachtete er als tragende Säulen einer funktionierenden Stadtgesellschaft.
Verantwortung für das Klinikum
Als niedergelassener Unfallchirurg brachte Müller-Stöver seine fachliche Kompetenz auch in gesundheitspolitische Verantwortung ein. In einer schwierigen Phase übernahm er den Vorsitz des Aufsichtsrats des Städtisches Klinikum Solingen. Ziel war es, das Haus zu konsolidieren, die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren und das Betriebsklima zu verbessern.
Besonders wichtig war ihm, das Klinikum in kommunaler Hand zu halten. Es dürfe nicht den Interessen von Konzern-Investoren überlassen werden, betont die SPD. Gleichzeitig hatte er stets die medizinische Leistungsfähigkeit und moderne Medizintechnik im Blick.
Retter und Gestalter in Wald
Auch jenseits der großen Linien war Müller-Stöver ein Mann des konkreten Handelns. Die Rettung und Sanierung der evangelischen Kirche in Wald, die Sicherung des Freibads Ittertal, der Erhalt der Stadtteilbücherei in neuer Form an der Gesamtschule oder der Fortbestand der Grundschule Am Rosenkamp – all diese Projekte tragen seine Handschrift. Ebenso engagierte er sich für den Umbau des Walder Stadtkerns samt Südumgehung.
Für ganz Solingen bedeutsam war zudem sein Einsatz im Vorstand der Jugend- und Drogenberatung anonym.
Parteiarbeit mit Leidenschaft
Innerhalb der SPD übernahm Müller-Stöver zahlreiche Funktionen: Er war Vorsitzender des Ortsvereins Wald, stellvertretender Vorsitzender und Vorsitzender des Unterbezirks Solingen, Mitglied im Fraktionsvorstand und Motor des Arbeitskreises Schule. Auch organisatorische Herausforderungen wie der Umzug des Parteihauses von der Kasinostraße an den Birkenweiher begleitete er als Schatzmeister maßgeblich.
2004 stellte er sich der schwierigen Gegenkandidatur gegen den damaligen Oberbürgermeister Franz Haug. Auch 2009 engagierte er sich erneut kurzfristig und mit großem Einsatz im OB-Wahlkampf.
Durchsetzungsstark – mit Humor
Bis ins hohe Alter blieb Müller-Stöver ein aufmerksamer Beobachter der Ratsarbeit und ein geschätzter Ratgeber in Fraktionssitzungen. Sein gesunder Durchsetzungswille war ebenso legendär wie sein Humor. Selbst hitzige Debatten – etwa die um das Kombibad – wusste er mit einer pointierten Bemerkung in neue Bahnen zu lenken.
Vor zwei Jahren wurde er für seine jahrzehntelangen Verdienste mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – eine Würdigung seines außergewöhnlichen Engagements für Stadt und Partei.
Die SPD verliert mit Dr. Hans-Joachim Müller-Stöver einen leidenschaftlichen Kommunalpolitiker, einen Pragmatiker mit Haltung und einen Menschen, der Verantwortung nie gescheut hat. Sein Vermächtnis wird in Wald und in ganz Solingen weiterwirken.
Oder, wie er selbst mit einem Augenzwinkern zu sagen pflegte: „Das werden wir dann taktisch-strategisch angehen!“








