von Florian Meurer
Graue Fassaden und verklebte Schaufensterscheiben, hinter denen sich leere Ladenlokale befinden. Sie können nicht mehr vermietet werden. Die Stille bleibt und macht sich im Stadtzentrum breit. Es ist die Ruhe eines Niedergangs. Der vergehende Chic einer lange vergangenen Nachkriegszeit, in der hier die Hauptschlagader des kommerziellen Lebens der Stadt pulsierte.
Dieser Ort, an dem so wenig geblieben ist wie es war, könnte sich in jeder beliebigen Innenstadt befinden. In der gesamten Länge der Fußgängerzone kommen dort kaum mehr als ein Dutzend Geschäfte zusammen. Zur Hauptsache wären es kleine Läden, die Produkte des täglichen Bedarfs anbieten. Es gäbe noch einen Obsthändler und eine Bäckerei. Weiter oben fände man seit einiger Zeit sogar etwas neues, eine Fahrschule. Doch sonst wäre nichts neues zu finden. Fachhändler suchte man hier schon seit Jahren vergebens. Am oberen Ende der Straße stünde ein ganzes Kaufhaus leer. Es gab Zeiten, da hat man dort von der Tischdecke über die Geldbörse bis hin zum Sakko so gut wie alles bekommen. Später wurde hier geimpft. Nun weiß keiner was mit dem gigantischen Klotz passiert, an dessen Fassade sich zunehmend ein grünlicher Algenschleier ausbreitet. Eigentlich hätte er schon länger abgerissen werden sollen. Einzelne Bauelemente der Fassade gehen womöglich langsam kaputt. Man darf wohl froh sein, dass noch nichts herunter gefallen ist. Wird hier neu gebaut? Für wen wird neu gebaut und lohnt sich das noch?
Mit der Stadt hat sich der Mensch verändert
Der Geist solcher Innenstädte konnte aus den optimistischen Zeiten der Vergangenheit nicht in die Gegenwart herübergerettet werden, mag man denken. Die Häuser, Passagen und Ladenlokale stammen aus Zeiten, in denen wir anders gelebt, gedacht, gehandelt und konsumiert haben. Es waren gute Aufbau- und Konsumjahre, in denen eine ganze Gesellschaft froh war, unbeschwert kaufen und sich vergnügen zu dürfen. Das wiedererrichtete Zentrum mit den frischen Warenauslagen war der perfekte Ort dafür. Wie in vielen anderen Städten des Landes vergaßen die Menschen damals langsam den mörderischen Wahnsinn eines Krieges, der letzten Endes auch die eigene Stadt heimgesucht hatte. Sie wollten neu beginnen, irgendwie. Das alte Zentrum war zerstört worden und viele seiner Bewohner waren mit ihm gestorben. Die Schweigen über den Ruinen war ihr Vermächtnis. So wie wir heute mussten sie aus der Stille neu beginnen. Doch was will man heute noch verkaufen? Welche positive Zukunftsvision kann mit Einzelhandel noch verbunden sein, wenn überall Lebensmittel, Autos, Computer, Wohnhäuser und vieles mehr übrig bleiben? Wie sollen Wirtschaft und Arbeit unter der Voraussetzung von Überfluss und sinkender Geburtenzahl noch funktionieren? Wir werden sicher nicht mehr so leben wie in den 1980er oder 1990er Jahren. Wir werden zukünftig weniger Menschen sein.
Können wir die Stille mit neuen Ideen füllen?
Beton, Glas und Stahl werden keinen Bestand haben. Es kehrt unweigerlich wieder die Stille ein. Die leerstehenden Geschäfte und Ladenpassagen, der Müll und die unbeachteten Denkmäler und verfallenden Artefakte unserer Zeit werden mit der Zeit zerstört und nur Staub bleibt übrig. Sie werden zu der universellen Stille zurückkehren, aus der heraus sie ursprünglich geschaffen und erdacht worden sind. Hier ist etwas zu Ende gegangen, das einmal wir waren. Es war etwas, das in unserer Vorstellungswelt lange Zeit etwas großes war. Wir haben über die Jahre mehr verloren als ein paar Geschäfte. Es ist ein Teil unseres Selbstverständnisses und der Lebensweise, die wir für normal gehalten haben. Finsternis, Leere und Stille blieben übrig, die gelegentlich von kurzen Exzessen der Gewalt und Sachbeschädigung unterbrochen werden. Wir können in unserer Lebenszeit versuchen, die existenzielle Leere hier mit etwas zu füllen, das anders ist und über den bloßen Konsum hinaus weist. Vielleicht müssen wir das auch. Denn der ursprüngliche Gedanke von Kauf und Verkauf wird weiter ablöst von etwas anderem. Könnten wir uns selbst neu erfinden, würden auch diese Orte und ihre Stille mit etwas gefüllt werden, das unsere Menschlichkeit mehr in den Mittelpunkt stellt. Wir haben nur die eine Chance, die darin besteht, uns selbst und unsere verwaisten Innenstädte neu und anders zu betrachten. Dies ist an sich nichts neues, denn der Mensch war im Laufe seiner Geschichte immer wieder dazu gezwungen, sich selbst anders zu sehen.
Neuland für die Menschlichkeit oder unser Ende
Sollten wir an dieser Aufgabe scheitern, bleibt uns eine andere Zukunft, die für viele dystopisch klingen wird. Nach dem Verfall unserer Städte langfristig zu eine Erneuerung dessen kommen, was ursprünglich da war. Der Wald, die Tiere, das Wetter und das Kommen und Gehen der Jahreszeiten. Diese natürlichen Konstanten sind nicht auf uns angewiesen. Unsere Vorstellung von einem Ort wird abgelöst von dem Wirken der Natur. Dass es uns lange sehr gut ging, ist nur zu ihren Lasten überhaupt nur möglich gewesen. Ohne uns erholen sich die Wälder. Die leblosen Meere bevölkern sich wieder mit Fischen. Seltene Vogelarten kehren zurück. Wölfe und Bären finden wieder eine Heimat. Vielleicht wird irgendwann nichts mehr an uns erinnern. Wir würden niemandem fehlen. Unsere ambitionierten Ziele kehren dann zu der ewigen Stille zurück, aus der wir sie im Geiste herausgegriffen und zu konkreten Tatsachen umgeformt haben. Es ist niemand mehr da, der sich an unsere Ideen erinnern würde. Möglicherweise bliebe nur eine archäologische Besonderheit, die zukünftige Generationen nicht einordnen können, falls diese Dinge noch jemand untersucht. Doch noch haben wir eine Chance, es anders zu machen. Wir sollten versuchen, unsere Innenstädte als das Neuland zu betrachten, das sie sein könnten.










