Von Kay Ganahl – Das Land, in dem wir leben, ist nicht automatisch ein Land, das unkritische Liebe verdient. Die Menschen, denen wir begegnen, ebenso wie die materielle Umgebung aus Gebäuden, Straßen und Brücken, beeinflussen unser Empfinden und unsere Gedanken. Die subjektive Wahrnehmung der Außenwelt trägt wesentlich zur Lebensqualität bei.
Dabei gilt: Ohne Innen kein Außen, ohne Außen kein Innen. Der Mensch ist ein „Augentier“. Er nimmt seine Umwelt mit den Sinnen wahr, reflektiert darüber und entwickelt daraus individuelle Haltungen und Meinungen. Gerade die Architektur, die den Alltag prägt, gerät dabei zunehmend in den Blick der Kritik. Vielen Menschen gefällt immer weniger, was sie in ihren Städten und Gemeinden vorfinden. Das ist alles andere als angenehm, denn die gebaute Umwelt soll nicht nur funktional sein, sondern auch Freude bereiten oder zumindest akzeptabel erscheinen.
Das Wohlbefinden als Maßstab
Nicht jeder misst der Schönheit seiner Umgebung dieselbe Bedeutung bei. Viele Menschen bewegen sich im Alltag vor allem zweckorientiert durch die Stadt. Termine, Verpflichtungen und Zeitdruck bestimmen den Tagesablauf. Dennoch spielt die Qualität des unmittelbaren Umfelds eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden.
Was als schön empfunden wird, bleibt zwar eine Frage der subjektiven Wahrnehmung. Doch professionelle Stadtplaner und Architekten vertreten häufig ästhetische Positionen, die nicht unbedingt mit den Vorstellungen vieler Bürger übereinstimmen. Während Fachleute ihre Konzepte wissenschaftlich begründen, müssen die Menschen vor Ort mit den Ergebnissen leben.
Angesichts dieser Situation überrascht es kaum, dass häufig Gleichgültigkeit eintritt. Statt Kritik zu äußern oder sich für bestimmte Vorstellungen einzusetzen, wird oftmals weggeschaut. Dadurch erhält das, was viele als Hässlichkeit empfinden, freie Bahn. Bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen stehen nicht selten Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund.
Wenn Verfall sichtbar wird
Besonders deutlich wird dies dort, wo Gebäude und Infrastruktur in einem Zustand sind, der von vielen als unzureichend empfunden wird. Ein Haus, das seinen Zweck erfüllt und zugleich gepflegt wirkt, wird anders wahrgenommen als ein Gebäude mit bröckelndem Putz, Leerstand oder gar Einsturzgefahr. In solchen Fällen entsteht schnell der Eindruck von Hässlichkeit.
Der Zustand einer Stadt ergibt sich aus der Summe ihrer einzelnen Gebäude und ihrer Infrastruktur. Wo Verfall sichtbar wird, wird auch ein tatsächlicher Verfallsprozess wahrgenommen. Die Ablehnung solcher Entwicklungen scheint nahezu universell zu sein. Kaum jemand findet Gefallen daran, wenn Menschen altern oder Bauwerke dem Zerfall preisgegeben werden.
Zwischen Bewahren und Erneuern
Daraus ergibt sich die Frage, was erhaltenswert ist und wann Neues geschaffen werden muss. Über solche Entscheidungen befinden Behörden und Politiker, die für Stadtplanung und Bauvorhaben verantwortlich sind. Neben rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten spielen dabei auch moralische und ethische Überlegungen eine Rolle.
Gleichzeitig gibt es Menschen, die gerade von der Morbidität und den Spuren des Verfalls fasziniert sind. Dennoch erscheint die Eindämmung von Verfallsprozessen im Allgemeinen als wünschenswert. Doch die Schaffung von Neuem geht weit über bloße Instandhaltung hinaus.
Neue Architektur und neue städtebauliche Konzepte müssen geplant, finanziert und umgesetzt werden. Besonders dort, wo sich über Jahre gravierende Missstände entwickelt haben, sind umfassende Lösungen gefragt. Die Vision einer „neuen Stadt“ oder zumindest einer erneuerten Innenstadt erfordert erhebliche Investitionen und langfristige Strategien.
Das Neue entsteht aus dem Alten
Völlig neu ist das Neue jedoch niemals. Seit jeher wird auf den Fundamenten und oft sogar auf den Ruinen des Alten aufgebaut. Historische Gebäude werden erhalten, rekonstruiert oder unter Schutz gestellt. Materialien werden wiederverwendet, Erinnerungen bewahrt.
Gerade in einer Zeit ausgeprägter Erinnerungskultur ist das Neue stets mit dem Alten verbunden. Die Gegenwart entwickelt sich aus der Vergangenheit und richtet den Blick zugleich auf die Zukunft.
Deshalb kann die Erneuerung von Städten und Architektur mit Zuversicht angegangen werden. Ziel sollte es sein, die gebaute Umwelt schöner und vor allem besser zu machen. Wo nötig, mag Altes weichen müssen. Vergessen werden darf es jedoch nicht.
Fortsetzung folgt.











