RegionalesWolfgang Paul: Der Mythos vom "gottgegebenen" E-Autofahrer

Wolfgang Paul: Der Mythos vom „gottgegebenen“ E-Autofahrer

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von Wolfgang Paul – Manchmal, wenn ich so an der Ladesäule stehe und den Stecker in mein Auto stecke, spüre ich diese Blicke. Blicke, die eine Mischung aus tiefer Skepsis und biologischer Faszination ausdrücken. Es ist dieser Blick, den man sonst nur im Zoo einem seltenen, schuppigen Exoten zuwirft. In den Köpfen vieler Passanten scheint sich in diesem Moment eine ganz eigene, evolutionäre Theorie abzuspielen.

Sie glauben ganz fest daran, dass wir E-Autofahrer wohl eines Tages frisch vom Himmel gefallen sein müssen – im Idealfall schnurstracks durch das geöffnete Panorama-Glasdach eines Stromers, ohne jemals den harten Asphalt der Realität berührt zu haben.

Oder noch besser. Sie stellen sich vor, dass wir aus einer Art Hightech-Öko-Ei geschlüpft sind. Ein Ei, das unter den sanften Schwingungen einer Windkraftanlage ausgebrütet wurde, auf der Schale ein grünes Bio-Siegel und die Aufschrift „100% emissionsfrei ab Werk“. Drinnen saßen wir dann, bereits mit einer Ladekarte in der Hand und dem festen Glauben im Kopf, dass Hubraum reines Teufelswerk ist. Bereit dies bis auf´s Blut in allen Foren dieser Welt zu verbreiten. Selbsternannt, frisch gebrütete Botschafter aus dem Ei.

Liebe Verbrenner-Gemeinde, wir müssen an dieser Stelle dringend mal ein paar biologische und historische Missverständnisse aufklären. Schnallt euch an, hier kommt die schockierende Wahrheit.

Nein, wir wurden nicht mit Lithium-Ionen im Blut geboren. Wir waren nicht beteiligt bei der Elektronenwanderung und unsere ersten Worte waren auch nicht „AC,DC“ oder „State of Charge (SoC)“ oder gar „Akkudegradation“. Die Wahrheit ist viel profaner und, für manche vielleicht schockierend, extrem bodenständig.

Wir alle, die wir heute elektrisch fahren, haben eine verdammt lange, tiefschwarze, verölte und stinkende Historie an Benzinern und Dieseln hinter uns!

Wir sind keine fernen Wesen aus einer fernen Galaxie. Wir sind dieselben Leute, die jahrzehntelang am Sonntagvormittag mit dem Schwamm bewaffnet die Alufelgen des heißgeliebten V6 geschrubbt haben. Auch wir haben die rituellen Pflichten des traditionellen Autofahrens bis zum Exzess gelebt:

  • Wir kennen das meditative, aber schmerzhafte Starren auf die Cent-Beträge an den Zapfsäulen, während die Anzeige schneller nach oben raste als der Puls beim ersten Date.
  • Wir haben beim alljährlichen Ölwechsel vor dem Altar der Werkstatt gestanden und leise Stoßgebete zum Autogott geschickt, dass bitte keine Späne in der Wanne liegen mögen.
  • Wir kennen dieses ganz spezifische, traumatische Quietschen eines sterbenden Keilriemens im tiefsten Winter um drei Uhr nachts auf einer unbeleuchteten Autobahnabfahrt.
  • Und ja, auch wir haben den süßlichen, unverkennbaren Duft von unverbranntem Kraftstoff beim Kaltstart eines alten Vergasers tief eingeatmet und ihn damals als pure Freiheit abgespeichert.
  • Ja, wir haben heimlich die vielen Werkstattbesuchte genießen dürfen, in der Hoffnung, das unser Verbrenner-Liebling noch zu retten sei
Wie also, um alles in der Welt, entstand dann diese neue, fast schon missionarische Leidenschaft für die Steckdose?

Der Wechsel war kein plötzlicher Geistesblitz und auch keine Öko-Gehirnwäsche – es war eher ein verdammt neugieriger Selbstversuch. Man setzt sich irgendwann spaßhalber in so eine lautlose Kiste, die viele als „Elektroschrott“ abtun, drückt das Pedal durch und erlebt sein blaues Wunder. Dieses völlig verzögerungsfreie, brutale Drehmoment ab der ersten Millisekunde hat uns das Genick nach hinten geschmettert und das Grinsen ins Gesicht gemeißelt! Da gab es kein Gedenksekündchen für den Turbolader, kein hektisches Sortieren der Gänge im Automatikgetriebe, einfach nur Zisch und weg. Das war der Moment, in dem aus reiner Skepsis echte, unheilbare Leidenschaft wurde. Es fühlte sich plötzlich so an, als würde man nach Jahren auf einem stolzen, aber mürrischen Postgaul das erste Mal in einen Überschalljet steigen.

  • Und heute? Heute sind wir nicht nur emotional infiziert, sondern auch noch mit harten, rationalen Fakten bewaffnet, gegen die jeder Stammtisch-Skeptiker blass aussieht. Wer einmal die unverschämte Gemütlichkeit erlebt hat, morgens in ein bereits mollig warmes, eisfreies Auto zu steigen, das nachts entspannt an der eigenen Wallbox genuckelt hat, will nie wieder frierend im Benzin-Dunst einer Tankstelle im Regen stehen.
  • Wir schauen uns die technische Effizienz an und müssen einfach lachen. Während ein Verbrenner im Stop-and-Go-Verkehr die meiste Energie sinnlos in heiße Luft und Bremsstaub verwandelt, füttern wir unseren Akku beim Bremsen per Rekuperation einfach wieder im Vorbeigehen. Keine rasselnden Steuerketten mehr, kein Getriebeschaden, der den Gegenwert eines Kleinwagens verschlingt, und keine Abgasuntersuchung, bei der man um die Plakette bangen muss. Die pure mechanische Einfachheit gepaart mit dem lautlosen Gleiten hat uns restlos überzeugt. Wenn man einmal die Vorzüge dieser Technologie im Alltag erlebt hat, fühlt sich der Wechsel zurück in ein vibrierendes, lärmendes Verbrenner-Cockpit an wie der Versuch, die Steuererklärung wieder mit Hammer und Meißel in eine Steintafel zu hauen.
  • Wir haben die große Freiheit auf vier Rädern also keineswegs verlernt – wir haben sie lediglich modernisiert. Wenn wir heute also lautlos an euch vorbeisurren, dann nicht, weil wir die Vergangenheit hassen, sondern weil wir sie in- und auswendig kennen. In unseren Herzen schlägt (oder schlug zumindest die meiste Zeit unseres Lebens) der exakt gleiche Takt wie in euren Zylindern. Wir haben nur einfach irgendwann beschlossen, den Takt vom Kolben auf die Elektronen zu übertragen. Also entspannt euch: Beim nächsten Mal an der Ladesäule dürft ihr uns ruhig ansprechen. Wir beißen nicht – wir haben nur Strom geladen, kein mürrisches Wesen.
  • Wir haben die Evolution vom zähen Wanderdünen-Saugdiesel über den giftigen Turbo-Benziner bis hin zum hochgezüchteten Kombi komplett mitgemacht. Wir haben geflucht, wenn die Zündkerzen nass waren, und wir haben gejohlt, wenn der Auspuff auf der Landstraße so richtig schön dreckig zurückgefeuert hat. All das, so irrationale es klingen mag, war mal ein Teil einer maßlosen Freude.
  • Wir sind also definitiv nicht aus dem Ei geschlüpft und wir halten uns auch nicht für die besseren Menschen. Wir haben lediglich irgendwann nach zwanzig Jahren, dreihundert Tankbelegen und fünf verschlissenen Kupplungen, Zahnriemenwechsel, die einvernehmliche Scheidung vom Tankwart eingereicht.
  • Wenn wir heute also lautlos an euch vorbeisurren, dann nicht, weil wir die Vergangenheit hassen, sondern weil wir sie ja in- und auswendig kennen. In unseren Herzen schlägt (oder schlug zumindest die meiste Zeit unseres Lebens) der exakt gleiche Takt wie in euren Zylindern. Wir haben nur einfach irgendwann beschlossen, den Takt vom Kolben auf die Elektronen zu übertragen. Also entspannt euch. Beim nächsten Mal an der Ladesäule dürft ihr uns ruhig ansprechen. Wir beißen nicht, wir haben nur Strom geladen, kein mürrisches Kobold-Wesen.
Foto: Wolfgang Paul

 

Autorenhomepage: https://autor-wolfgang-paul.jimdofree.com

Verlagsautor:
Infinitiygaze (German Reichweitenangst)
(Fantasy-Thriller) In des Lichtes Schein

Weitere Publikationen
(KI-Thriller; BoD) Der GottMenschMacher
(Sachbuch; Tredition) – Der aufrecht gebückte Mensch
(Humor; Tredition) Und ewig küsst mich Dornröschen wach

Gastautor der Solinger Nachrichten

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