Scharfe Kritik an neuer Ticketregelung ab 2027 – Ältere, Menschen mit Behinderung und Geringverdiener drohen nach Ansicht des Beirats abgehängt zu werden
Solingen – Kein Smartphone, keine App, keine Busfahrt? Die Entscheidung der Stadtwerke Solingen, ab dem 1. Januar 2027 keine Barzahlung mehr in Linienbussen zuzulassen, stößt beim Solinger Seniorenbeirat auf massiven Widerstand. Dessen Vorsitzender Andreas Salzmann spricht von einem „eklatanten Verstoß gegen die soziale Verantwortung eines kommunalen Unternehmens“ und wirft den Stadtwerken vor, ganze Bevölkerungsgruppen bewusst auszuschließen.
Die Stadtwerke seien als kommunales Unternehmen der Daseinsvorsorge verpflichtet, heißt es in einer Pressemitteilung des Seniorenbeirats. Kostenersparnisse und der zunehmende Trend zur bargeldlosen Bezahlung dürften nicht dazu führen, dass Menschen den Zugang zum öffentlichen Nahverkehr verlieren.
„Technokratische Ausrede“
Besonders scharf kritisiert der Seniorenbeirat die Begründung, analoge Tickets seien teurer und die Entwicklung gehe eindeutig in Richtung digitaler Bezahlmöglichkeiten. Dies bezeichnet das Gremium als „technokratische Ausrede“.
Nach Ansicht des Beirats wird dabei die Lebenswirklichkeit vieler Menschen ignoriert. Nicht jeder verfüge über ein Smartphone, könne eine entsprechende App bedienen oder sei finanziell in der Lage, ein digitales Endgerät anzuschaffen. Wer diese Voraussetzungen nicht erfülle, könne künftig nicht mehr spontan in einen Bus einsteigen und dort mit Bargeld eine Fahrkarte kaufen.
„Das ist sozialer Ausschluss – und zwar bewusst herbeigeführt“, lautet der harte Vorwurf des Seniorenbeirats.
Sind Verkaufsstellen wirklich eine Alternative?
Auch der Verweis auf andere Verkaufsstellen im Solinger Stadtgebiet überzeugt das Gremium nicht. Gerade für ältere Menschen oder Personen mit körperlichen Einschränkungen könnten zusätzliche Wege eine erhebliche Hürde darstellen. Wer zunächst eine Verkaufsstelle aufsuchen müsse, bevor er überhaupt den Bus nutzen könne, habe nach Auffassung des Beirats faktisch keinen gleichberechtigten Zugang zum öffentlichen Nahverkehr.
Die Argumentation des Seniorenbeirats ist deutlich: Mobilität dürfe weder vom Besitz eines Smartphones noch von digitalen Fähigkeiten oder der körperlichen Möglichkeit abhängen, zusätzliche Wege zurückzulegen.
Kritik an Stadtwerken und VRR
Dass die Stadtwerke bei der Umstellung auf Vorgaben und Entwicklungen innerhalb des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr verweisen, lässt der Seniorenbeirat ebenfalls nicht gelten. Ein kommunales Unternehmen dürfe sich nicht hinter dem Verkehrsverbund verstecken, sondern müsse die Interessen der Solinger Bevölkerung vertreten.
„Kostenersparnis darf niemals über sozialer Teilhabe stehen“, erklärt der Beirat. Die geplante Regelung schaffe eine digitale Zugangsschranke, von der vor allem ältere Menschen, Menschen mit Behinderung und Bürger mit geringem Einkommen betroffen seien. Der Seniorenbeirat bezeichnet die Entscheidung deshalb als „diskriminierend, unsozial“ und unvereinbar mit dem Auftrag eines öffentlichen Dienstleisters.
Seniorenbeirat verlangt Rücknahme der Entscheidung
Der Seniorenbeirat fordert die Stadtwerke Solingen und den VRR mit Nachdruck auf, das Bargeld-Aus zurückzunehmen. Auch nach dem 1. Januar 2027 müsse es möglich bleiben, spontan und ohne digitale Hürden im Bus eine Fahrkarte zu erwerben.
„Mobilität ist ein Grundrecht – und kein Privileg für Smartphone-Besitzer“, heißt es abschließend in der Pressemitteilung.
Damit ist die Auseinandersetzung eröffnet: Ist die Abschaffung der Barzahlung ein notwendiger Schritt in eine moderne und wirtschaftliche Zukunft des Nahverkehrs – oder wird hier Digitalisierung auf dem Rücken derjenigen durchgesetzt, die ohnehin schon mit den größten Hürden zu kämpfen haben?







