„Die Kapitäne der Titanic im Zeitalter der Natrium-Akkus“ – Ein Gastbeitrag von Wolfgang Paul
Man muss die deutsche Autoindustrie einfach lieben. Sie besitzt die rührende Anmut eines Dinosauriers, der beim Erblicken des heranrasenden Meteors nicht etwa die Flucht ergreift, sondern daran glauben will, dass dieser Meteor ihm eine glorreiche Zukunft bringt.
Während also in Peking und Shenzhen die Zukunft der Mobilität im Minutentakt vom Band rollt, leisten sich die deutschen Automobilhersteller ein Freilichtmuseum der besonderen Art. Sie huldigen dem heiligen Verbrennungsmotor. Sie schrauben, polieren und tüfteln mit der sturen Hingabe mittelalterlicher Alchimisten an der 18. Nachkommastelle des thermodynamischen Wirkungsgrads.
Ein feingliedriges Wunderwerk aus mehr als zweitausend beweglichen Teilen! Wundervoll komplex, unfassbar teuer und im Zeitalter der Elektrifizierung so nützlich wie eine Pferdetränke an der Autobahn.
Ja, diese Erkenntnis tut weh. Doch der Trost bleibt: Auch Dampfmaschinen und Pferdekutschen gibt es schließlich heute noch.
Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass die politische Prominenz aus München die Rettung des Abendlandes ausgerufen hat: den „Söder’schen Hightech-Verbrenner“. Markus Söder präsentiert uns diese rhetorische Nebelkerze mit der gewohnten Dosis Bierzelt-Weißwurst-Pathos.

Betrieben werden soll das Wunderwerk natürlich mit E-Fuels. Ein physikalischer Schildbürgerstreich der Sonderklasse! Um einen einzigen Liter dieses synthetischen Edelsafts herzustellen, wird enorm viel Ökostrom benötigt – Strom, der bei einem Elektroauto wesentlich effizienter direkt genutzt werden könnte.
Aber pfeif´ auf die Gesetze der Thermodynamik, solange das Zauberwort „Technologieoffenheit“ durch die Gazetten geistert. Wer braucht schon Wirkungsgrade, wenn er Stammtische bedienen kann? Denn wir wissen doch alle: Nur echte Thekenweisheiten stechen die faktische Realität aus.
Unterdessen aber lacht sich die Konkurrenz in Fernost schrottreif. Allen voran CATL und BYD.
Während deutsche Vorstände in Talkshows darüber schwadronieren, dass der Kunde eben emotional am Auspuffsound hänge, hat China Fakten geschaffen. Mit Technologiefokus und immer weiter verbesserten Akkus. Natrium-Ionen-Zellen ohne teures Lithium, immer kürzere Ladezeiten und eine Industrie, die mit gewaltigem Tempo neue Technologien auf den Markt bringt.
Peking baut nicht einfach nur Autos, sondern zementiert seine starke Stellung in der globalen Energie- und Rohstoffkette. Und während wir im EU-Bürokratiesumpf über Flottengrenzwerte streiten, sichert sich China systematisch wichtige Märkte der Zukunft – von Südamerika bis Südostasien.
Die Verschiebung der Kernkompetenzen
Unsere Autogiganten haben diese Entwicklung nicht etwa übersehen. Sie waren schlicht zu faul, zu satt und zu gierig. Man hat sich auf den fetten Margen fossiler Verbrenner-SUVs ausgeruht, die Entwicklung der Batteriechemie verpennt und die Software-Architektur an externe Dienstleister verramscht.
Ein modernes E-Auto ist kein Verbrenner, dem man einfach den Tank herausgerissen hat. Es ist ein rollender Hochleistungscomputer auf Rädern. Denn nun – oh mein Gott – bestimmen Software und KI zunehmend das Fahrzeug.
Doch statt Digitalkompetenz liefert die deutsche Spitzentechnologie im Jahr 2026 vor allem eines: Schließungspläne für heimische Werke und Rufe nach staatlicher Unterstützung.
Es ist die deutsche Krankheit unserer Zeit: Wir verwechseln Nostalgie mit Strategie und Sturheit mit Ingenieurskunst. Arroganz und Selbstgefälligkeit mit Innovation. Wir verteidigen verbissen die beste Dampflok der Welt, während der Rest des Planeten längst in den Transrapid steigt.
Wenn in wenigen Jahren der letzte chinesische Stromer lautlos an den Ruinen unserer Traditionsstandorte vorbeisummt, bleibt uns immerhin ein Trost: Wir können stolz auf den polierten Kolben im Schaufenster zeigen und der Welt zurufen, dass wir die Zündkerze bis zum allerletzten Tag perfektioniert haben.
Ein echter deutscher Sieg – auf dem Schrottplatz der Geschichte.
Doch muss es überhaupt so weit kommen? Oder haben die deutschen Autobauer doch noch ein As im Ärmel und tauschen Premiumklasse gegen bezahlbare, leistungsstarke Kleinwagen?
Die Hoffnung bleibt, dass nun auch Taten folgen. Dass deutsche Autobauer verstehen, wie weit ihnen die Konkurrenz aus Fernost inzwischen voraus ist.
Also: aufstehen, Wunden lecken und wieder zu dem werden, was diese Autobauer einst auszeichnete.
Wolfgang Paul
Humorbuchautor / Elektromobilexperte / Berater
„German Reichweitenangst“
Weitere Informationen über Wolfgang Paul, seine Bücher und seine Arbeit gibt es auf seiner Autorenhomepage unter https://autor-wolfgang-paul.jimdofree.com.
Hinweis der Redaktion: Bei diesem Text handelt es sich um einen Gastbeitrag. Er gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und muss nicht mit der Auffassung der Redaktion der Solinger Nachrichten übereinstimmen.







