Eine Kolumne über das Neue, unsere Angst vor Veränderung und die Frage, was wir kommenden Generationen hinterlassen.
Von Wolfgang Paul
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wir Menschen sind schon eine merkwürdige Spezies. Wir erfinden die Zukunft – und erschrecken uns anschließend davor.
Wir bauen Maschinen, die Dinge können, die gestern noch unmöglich erschienen. Wir kommunizieren über Kontinente hinweg, verändern Medizin, Arbeit und unseren Alltag. Wir verschieben die Grenzen des Machbaren immer weiter. Und kaum ist etwas Neues da, beginnt die Diskussion darüber, warum es früher eigentlich auch ganz gut funktioniert habe.
Vielleicht ist das menschlich. Vielleicht liegt darin aber auch ein Widerspruch, über den es sich nachzudenken lohnt: Wir wollen die Zukunft gestalten, solange sie uns nicht zu sehr verändert.
Das Vertraute fühlt sich schließlich richtig an. Aber fühlt es sich richtig an, weil es richtig ist – oder nur, weil wir es kennen?
Das Automobil war einmal eine Zumutung für die gewohnte Welt. Das Telefon veränderte Kommunikation, das Fernsehen den Feierabend, das Internet schließlich nahezu alles. Was für eine Generation fremd war, wurde für die nächste selbstverständlich.
Das Neue von gestern ist die Normalität von heute.
Das bedeutet nicht, dass alles Neue gut ist. Fortschritt braucht Widerspruch, Prüfung und manchmal auch ein klares Nein. Aber vielleicht sollten wir uns angewöhnen, zwischen Ablehnung und Nachdenken einen kleinen Raum zu lassen.
Nicht alles ist richtig. Nicht alles ist falsch. Eine Entwicklung kann Chancen und Risiken zugleich haben. Ein Mensch kann sich irren und trotzdem in einem anderen Punkt etwas Wichtiges erkannt haben. Und zwei Menschen können unterschiedlicher Meinung sein, ohne deshalb zu Gegnern werden zu müssen.
Eigentlich klingt das banal.
In unserer Gegenwart scheint es trotzdem erstaunlich schwer.
Wir ziehen Grenzen. Zwischen Generationen, politischen Lagern, Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Gruppen. Wir reden zunehmend darüber, wer auf welcher Seite steht. Und manchmal verlieren wir darüber die viel schwierigere Frage: Was wollen wir eigentlich gemeinsam erreichen?
Vielleicht zeigt sich darin ein Problem unserer Zeit besonders deutlich.
Wir sind hervorragend darin geworden, Mauern zu beschreiben. Aber wissen wir noch, was wir auf der anderen Seite bauen wollen?
Auch deshalb beschäftigt mich das politische Bild der sogenannten Brandmauer. Demokratische Parteien müssen Grenzen ziehen können. Demokratie bedeutet nicht, jede politische Position für gleichwertig zu erklären. Abgrenzung kann notwendig sein.
Aber eine Grenze ist noch keine Lösung.
Eine Mauer schafft keine Wohnungen. Sie verbessert keine Schulen. Sie schafft keine Arbeitsplätze, kein Vertrauen und keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und sie beantwortet auch nicht automatisch die Frage, warum sich Menschen von Politik und Institutionen abwenden.
Vielleicht liegt genau hier die entscheidende Frage: Was geschieht auf unserer Seite der Mauer?
Denn ein Nein kann notwendig sein. Aber ein Nein allein trägt keine Gesellschaft.
Irgendwann braucht es ein Dafür.
Ein Dafür für eine Vorstellung davon, wie wir miteinander leben wollen. Ein Dafür für Bildung, Zusammenhalt, wirtschaftliche Perspektiven, Sicherheit und die Möglichkeit, unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne einander die Zugehörigkeit abzusprechen.
Wir kennen das Bild der Mauer in Deutschland nur zu gut. Eine Mauer teilte dieses Land über Jahrzehnte in ein „hier“ und ein „dort“, in „wir“ und „die da drüben“. Als sie fiel, verschwand damit nicht sofort jede Trennung. Manche Mauern standen noch lange in den Köpfen.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre: Mauern können aus Beton bestehen. Sie können aber auch aus Angst, Vorurteilen, Gewohnheiten oder politischen Gewissheiten gebaut sein.
Und nicht jede Mauer muss eingerissen werden.
Aber jede Mauer verdient die Frage, warum sie eigentlich noch steht.
Denn unsere größten Leistungen sind fast nie dort entstanden, wo Menschen voneinander getrennt waren. Hinter einer Erfindung stehen Generationen von Wissen. Hinter einem Krankenhaus Menschen mit völlig unterschiedlichen Fähigkeiten. Hinter einer funktionierenden Demokratie stehen Bürger, Institutionen, Regeln, Streit und Vertrauen.
Wir sind einzeln erstaunlich begrenzt.
Gemeinsam sind wir erstaunlich leistungsfähig.
Der eine hat die Idee, der andere das Wissen, sie umzusetzen. Einer stellt eine unbequeme Frage, der andere findet eine Antwort. Einer widerspricht und zwingt dadurch den anderen, genauer hinzusehen.
Vielleicht ist Widerspruch deshalb nicht das Gegenteil von Gemeinschaft.
Vielleicht ist er manchmal ihre Voraussetzung.
Eine starke Gesellschaft ist möglicherweise nicht die, in der alle dasselbe denken. Sondern die, in der Menschen verschieden denken können und trotzdem gemeinsam handeln.
We agree to disagree.
Wir stimmen darin überein, unterschiedlicher Meinung zu sein.
Das wäre vielleicht schon ein bemerkenswertes gesellschaftliches Ziel.
Und dann gibt es noch eine Frage, die mir zunehmend wichtiger erscheint: Was bleibt eigentlich von uns?
Nicht von uns als Einzelnen. Von uns als Generation.
Wir leben unsere Gegenwart oft so, als wäre sie der Mittelpunkt der Geschichte. Dabei sind wir nur ein kurzer Abschnitt darin. Vor uns haben Menschen Entscheidungen getroffen. Nach uns werden Menschen mit den Folgen unserer Entscheidungen leben.
Was werden unsere Kinder und Enkel einmal über uns denken?
Was werden sie bewundern? Was werden sie verstehen? Und worüber werden sie vielleicht den Kopf schütteln?
Vielleicht werden sie sich fragen, warum wir bestimmte Dinge so lange für selbstverständlich hielten. Warum wir manche Veränderungen fürchteten. Warum wir so viel Energie darauf verwendeten, Unterschiede zu betonen, obwohl wir für die großen Herausforderungen längst aufeinander angewiesen waren.
So wie wir heute manchmal kaum verstehen, warum frühere Generationen bestimmte gesellschaftliche Zustände nicht früher verändert haben, werden auch unsere Nachkommen unsere Gegenwart mit anderen Augen betrachten.
Das ist ein unbequemer Gedanke.
Denn jede Generation hält ihre eigene Zeit für normal.
Wir erkennen die Grenzen unseres Denkens nur selten, solange wir innerhalb dieser Grenzen leben.
Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich versuchen, unsere Gegenwart mit den Augen eines Menschen zu betrachten, der heute noch gar nicht geboren ist.
Was würde er über unsere Entscheidungen denken?
Welche unserer heutigen Streitigkeiten wären ihm völlig gleichgültig? Welche Dinge würde er für selbstverständlich halten, für die wir heute noch kämpfen? Und welche unserer Entscheidungen würde er vielleicht nicht verstehen können, weil wir den Mut hatten, etwas zu verändern, das für uns selbst noch unverrückbar erschien?
Wir hinterlassen unseren Nachkommen schließlich nicht nur Straßen, Gebäude und Technologien.
Wir hinterlassen auch Vertrauen oder Misstrauen. Offenheit oder Abgrenzung. Möglichkeiten oder Hindernisse.
Wir hinterlassen ihnen nicht nur eine Welt.
Wir hinterlassen ihnen die Voraussetzungen, unter denen sie ihre eigene Welt gestalten können.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht den Anspruch haben, heute alles richtig zu machen. Das wird uns ohnehin nicht gelingen.
Aber wir sollten uns fragen, ob das, was wir heute verteidigen, morgen noch Bedeutung haben wird.
Und ob das, was wir heute aus Angst, Bequemlichkeit oder Gewohnheit ablehnen, für die nächste Generation vielleicht genau das sein könnte, was ihr Leben besser macht.
Vielleicht werden sie uns nicht danach beurteilen, wie viele Diskussionen wir gewonnen haben.
Vielleicht werden sie danach schauen, was wir gemeinsam möglich gemacht haben.
Ob wir Grenzen erkannt haben, die notwendig waren – und andere, die nur noch getrennt haben.
Ob wir Vertrautes loslassen konnten, wenn es nicht mehr in die Zukunft passte.
Ob wir verstanden haben, dass Fortschritt nicht darin besteht, immer schneller zu werden, sondern manchmal darin, genauer zu erkennen, wohin wir eigentlich wollen.
Am Ende werden wir die Zukunft ohnehin nicht alleine bewältigen.
Kein Einzelner kann die großen Herausforderungen unserer Zeit lösen. Keine Generation kann das für sich allein. Keine politische Richtung wird auf jede Frage die Antwort besitzen.
Wir brauchen Wissen und Erfahrung. Mut und Vorsicht. Streit und Verständigung.
Vor allem aber brauchen wir die Bereitschaft, unsere Unterschiede nicht nur auszuhalten, sondern etwas aus ihnen entstehen zu lassen.
Vielleicht ist das unsere größte Stärke.
Nicht, dass wir gleich sind.
Sondern dass wir verschieden sein können und trotzdem gemeinsam etwas schaffen, das größer ist als jeder Einzelne.
Vielleicht ist das der tiefere Sinn von Gemeinschaft: nicht, dass wir uns gegenseitig bestätigen.
Sondern dass wir uns gegenseitig ergänzen.
Und vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage unserer Zeit gar nicht, auf welcher Seite einer Mauer wir stehen.
Sondern was wir gemeinsam bauen, wenn wir uns wieder aufeinander zubewegen.
Denn irgendwann werden andere auf unsere Zeit zurückblicken.
Sie werden unsere Entscheidungen betrachten, unsere Ängste, unsere Hoffnungen, unsere Irrtümer.
Vielleicht werden sie manches davon verstehen.
Vielleicht werden sie über manches den Kopf schütteln.
Und vielleicht werden sie sich bei einer Sache ganz besonders wundern:
Warum wir so lange geglaubt haben, dass wir die Zukunft gegeneinander gestalten müssten, obwohl wir sie doch nur miteinander schaffen konnten.
Denn am Ende wird nicht entscheidend sein, wie viele Mauern wir errichtet haben.
Sondern wie viele wir gemeinsam überflüssig gemacht haben.
Wolfgang Paul ist Verlags- und Buchautor sowie Gastautor der Solinger Nachrichten.
Autorenhomepage: https://autor-wolfgang-paul.jimdofree.com
Verlagsautor:
Infinitiygaze (German Reichweitenangst)
(Fantasy-Thriller) In des Lichtes Schein
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(KI-Thriller; BoD) Der GottMenschMacher
(Sachbuch; Tredition) – Der aufrecht gebückte Mensch
(Humor; Tredition) Und ewig küsst mich Dornröschen wach







