Menschen mit Behinderung sammeln Erfahrungen in Solinger Betrieben – Unternehmen erhalten Einblicke in den Arbeitsalltag der Werkstatt
Solingen. Einmal die Perspektive wechseln und erleben, wie auf der jeweils anderen Seite gearbeitet wird: Genau darum geht es bei der bundesweiten Aktion „Schichtwechsel“, an der sich jetzt erstmals auch die Lebenshilfe Solingen beteiligt hat. Menschen mit Behinderung konnten dabei Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes kennenlernen. Im Gegenzug besuchten Vertreter der teilnehmenden Unternehmen die Werkstatt der Lebenshilfe.
„Sinn des Schichtwechsels ist, dass Menschen mit Behinderung aus der Werkstatt in Betriebe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt hineinschauen dürfen und umgekehrt Menschen aus den Betrieben zu uns in die Werkstatt kommen, um die Arbeit hier zu erleben“, erklärt Georg Richerzhagen, Geschäftsführender Vorstand der Lebenshilfe Solingen. Für ihn ist bereits die damit verbundene Aufmerksamkeit wichtig: „Allein schon, dass dadurch die Werkstätten öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, ist ein großer Schritt.“
Insgesamt 14 Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen nutzten am vergangenen Donnerstag die Gelegenheit, bei der CBS (Cologne Business School) Campus Solingen, bei Plama Engineering oder im Haus Müngsten den Arbeitsalltag außerhalb der Werkstatt kennenzulernen. Dabei ging es auch um die Frage, ob ein solcher Schritt möglicherweise dauerhaft infrage kommen könnte.
Am neu aufgebauten Standort Merscheider Busch der Lebenshilfe waren im Gegenzug Vertreter der kooperierenden Betriebe zu Gast. Dazu gehörten Hochschulleiter Professor Tanju Aygün von der CBS, Küchenchef Hans Kaboth vom Haus Müngsten und Plama-Vertriebschef Sascha Lindemann.
Fachkräfte durch geeignete Tätigkeiten entlasten
Die geringe Sichtbarkeit dessen, was in Werkstätten für Menschen mit Behinderung geleistet wird und welche Fähigkeiten die dort beschäftigten Menschen haben, sei weiterhin ein Problem, sagt Richerzhagen. Obwohl vielerorts über Fachkräftemangel geklagt werde, erhielten Menschen mit Unterstützungsbedarf noch zu selten eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
„Unsere Leute können keine Fachkräfte ersetzen. Aber sie können viele Arbeiten verantwortungsvoll und gewissenhaft erledigen und dadurch Fachkräfte entlasten“, betont Richerzhagen.
Nadja Fischer, Integrationsbeauftragte der Lebenshilfe Solingen, hatte den Aktionstag gemeinsam mit Marc Boll und Doris Hövermann organisiert. Sie weist darauf hin, dass die Mitarbeiter der Lebenshilfe vor einem Einsatz in einem Unternehmen entsprechend vorbereitet werden.

„Unsere Mitarbeiter werden hier in der Lebenshilfe zudem vorab geschult, so dass wir große Teile der Einarbeitung vorwegnehmen können“, erklärt Fischer.
Dafür verfügt die Lebenshilfe über einen eigenen Bildungsbereich mit Schulungen, Aus- und Fortbildungen bis hin zu IHK-zertifizierten Lehrgängen in sieben Berufsfeldern.
Betriebsintegrierte Arbeitsplätze als Brücke
Gehen Mitarbeiter anschließend in einen Betrieb, bleiben sie weiterhin Angehörige der Lebenshilfe und werden von dort betreut. Regelmäßige Gespräche in den Unternehmen gehören ebenfalls dazu. Diese sogenannten Betriebsintegrierten Arbeitsplätze (BiAP) werden zudem gefördert.
Sowohl die CBS als auch Plama beschäftigen bereits Menschen mit Beeinträchtigung auf einem solchen Arbeitsplatz.
„Unser Mitarbeiter im BiAP macht uns alle glücklich. Er hat oft ein Lächeln auf dem Gesicht, macht seine Arbeit sehr gerne“, berichtet Plama-Vertriebschef Sascha Lindemann.
Ähnliche Erfahrungen macht die CBS. Dort übernimmt Kevin am Campus Solingen verschiedene Hausmeisteraufgaben. Nadja Fischer berichtet aus den Rückmeldungen der Unternehmen: „Wir hören oft, dass unsere Menschen in den Betrieben die Arbeitsatmosphäre positiv beeinflussen.“
Richerzhagen hebt zudem die Motivation vieler Beschäftigter hervor: „Wenn Sie wirklich motivierte und loyale Mitarbeiter wollen, müssen Sie unsere Leute nehmen.“
Finden sie passende Arbeitsbedingungen vor, fühlten sich viele stark mit ihrer Tätigkeit und ihrem Arbeitsplatz verbunden und gingen mit Stolz und Freude zur Arbeit. In einigen Fällen könne sich aus einem Betriebsintegrierten Arbeitsplatz später sogar ein reguläres sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis entwickeln.
Alexander hilft an der Schwebefähre
Wie Inklusion auf dem Arbeitsmarkt funktionieren kann, zeigt das Haus Müngsten. Der Gastronomiebetrieb im Brückenpark ermöglicht Menschen mit Beeinträchtigung nicht nur Praktika oder Betriebsintegrierte Arbeitsplätze. Als Integrationsbetrieb beschäftigt das Unternehmen auch Menschen mit Unterstützungsbedarf mit regulären Arbeitsverträgen.
Alexander verbrachte dort seinen „Schichtwechsel“ und durfte unter anderem bei der Bedienung der Schwebefähre über die Wupper mithelfen. Eine durchaus körperlich anstrengende Aufgabe, wie er feststellen konnte.
„Da kamen elf Leute mit Fahrrädern, da mussten wir die Fähre gleich zweimal hintereinander bedienen, weil nicht genug Platz für alle war. Ich weiß nicht, ob ich das den ganzen Tag könnte, aber es hat Spaß gemacht“, berichtet Alexander.
Auch die anderen Teilnehmer sammelten neue Eindrücke. Eda zeigte sich beeindruckt von Plama, wo aus kleinen Rohlingen PET-Flaschen hergestellt werden. Timea war besonders vom Team der CBS begeistert, das ihr die verschiedenen Tätigkeiten ausführlich gezeigt habe und sehr freundlich und locker gewesen sei. Justin freute sich darüber, den auch architektonisch beeindruckenden Gebäudekomplex des CBS Campus Solingen kennenlernen zu können.
Auch die Unternehmen wechseln die Perspektive
Doch nicht nur die Beschäftigten der Lebenshilfe sollten an diesem Tag Neues kennenlernen. Die Besucher aus den Unternehmen erhielten ihrerseits Einblicke in verschiedene Arbeitsbereiche der Werkstatt, kamen mit den Mitarbeitern ins Gespräch und konnten selbst mit anpacken.
So versuchten sie sich beispielsweise beim Kuchenbacken in der Küche oder beim Einschweißen eines Küchenmessers in eine Blisterverpackung – eine Aufgabe, die sich als anspruchsvoller herausstellte als zunächst gedacht.

Der Aktionstag sollte damit nicht nur unterschiedliche Arbeitswelten zusammenbringen, sondern auch Barrieren und Vorbehalte abbauen. Menschen mit Beeinträchtigung sollen ermutigt werden, den Schritt in die Arbeitswelt außerhalb des geschützten Werkstattrahmens zu wagen. Gleichzeitig sollen Unternehmen erfahren, welche Tätigkeiten Menschen mit Unterstützungsbedarf übernehmen können.
Slim vom Werkstattrat der Lebenshilfe Solingen brachte die Hoffnung hinter dem Aktionstag auf den Punkt: „Ich hoffe, dass sich dadurch eine ganz, ganz große Tür zwischen Betrieben und der Werkstatt geöffnet hat!“
Nadja Fischer und Georg Richerzhagen wollen den „Schichtwechsel“ deshalb im kommenden Jahr am 23. September erneut anbieten. Die Lebenshilfe freut sich über weitere Betriebe, die sich an der Aktion beteiligen möchten.
Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite der Lebenshilfe Solingen.
Hinweis: Bei den Teilnehmern mit Beeinträchtigung werden zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte ausschließlich die Vornamen genannt. Die soll keinesfalls eine Herabwürdigung der Personen darstellen.







